Dr. MartinLuther

Leben und Werk im Licht der Wahrheit

von Gotthard Joachim Matysik

 

1.       Der Mensch
1.1.    Sein Leben
1.2.    Der Charakter
1.3.    Sein Wirken

2.       Die Reformation
2.1.    Ursachen der Reformation
2.2.    Die Reformatoren, Vor- und Nachreformatoren
2.3.    Die Verteidiger der Reformation
2.4.    Reformation oder Revolution?
2.5.    Die Gegenreformation

3.       Die Lehre
3.1.    Lehrmeinungen
3.2.    Darstellung der Lehre
3.3.    Der Protestantismus
3.3.1. Die Bibel als alleinige Glaubensregel
3.3.2. Formalprinzip der Rechtfertigung durch den Glauben
3.4.    Irrtümer der Reformation
3.5.    Erscheinungsformen des Protestantismus

4.       Folgeerscheinungen
4.1.    Kirchenspaltungen
4.2.    Irrungen des Protestantismus
4.2.1. Kriege als Ursachen des Protestantismus
4.2.2. Raub, Brand, Mord und Gesetzesbruch

5.       Unionsbestrebungen
6.       Schlussfolgerungen

 

1. Der Mensch

Der Mann, der nach und vor vielen Anderen den Weg der falschen Reformation betrat und die Sturmglocken des Aufruhrs in Deutschland wider seine Kirche läutete, war Martin Luther. Sowohl der Beginn, wie auch der Verlauf der Reformation, ist von Dr. Martin Luther derart geprägt worden, dass sie ohne ihn kaum denkbar erscheint.

Ein Zeitgenosse Luthers, der Domherr zu Breslau, Johannes Dobenecker (1479-1552), als Verfasser der Kommentare über Luthers Leben und Wirken, genannt: Cochläus, zeichnet nur einen einzigen positiven Satz über Luther auf, indem er schreibt, dass Luther während seines Noviziates im Augustinereremitenkloster zu Erfurt „als rüstiger Dienstmann Gottes“ lebte. In seinen Anmerkungen leuchtet ein Lutherbild auf, dass er seinem Werk zugrunde legte und fast es mit der folgenden Formulierung zusammen: „Martin Luther schmäht alle Heiligen Gottes, er beschimpft Papst Hadrian VI. und er verunglimpft den heiligen Thomas. Er lästert wider den Kaiser, schreibt aufrührerisch gegen die Fürsten, er macht sich über sie lustig, schmäht sie und vergleicht sie spöttisch mit Schweinen. Listig umschmeichelt er wieder die Fürsten, er preist betrügerisch den Erasmus, den er bald lobend erwähnt, bald aber mehr als verächtlich macht und mit den leichtfertigsten Schmähungen bedenkt. Er schikaniert die Universitäten, er droht allen Bischöfen und Klerikern und er erhebt schwere Anklage gegen die Papisten. Luther ist herzlos, er zeigt sich grausam gegen die elendiglich (von ihm) verführten und getöteten Bauern und er lügt offenkundig. Er ist ein falscher Prophet und rühmt sich trügerisch seines Evangeliums. Hätte er doch auf die untrügliche Stimme seines Gewissens gehört und sich nicht Worte Christi angemaßt, die zu ihm niemals gesprochen wurden.“ Dieser Cochläus aber ist ein Mann, der die damals vorherrschende katholische Meinung, dieser Luther sei vom Teufel gezeugt, ausdrücklich missbilligte. Dennoch kam er aufgrund der aktueller Begebenheiten und Tatsachen und als Zeitzeuge zu seinem so vernichtenden Urteil.

 

1.1. Sein Leben

Martin Luther wurde am 10. November 1483 in sehr ärmlichen Verhältnissen in Eisleben als Sohn des Bergmanns Hans Luther (* 1459, 1530) und dessen Ehefrau Margarethe, geb. Lindemann (* 1459, 1531) geboren. Nach dem Umzug seiner Eltern nach Mansfeld besuchte er dort die lateinische Stadtschule. Neben seinen vortrefflichen geistigen Anlagen zeigte er früh sein reizbares und heftiges Temperament, verbunden mit einem störrigen Eigensinn, der ihm im Elternhaus, wie in der Schule, viele Strafen auf sich zog. Mit vierzehn Jahren besuchte er die Pfarrschule in Magdeburg und im folgenden Jahr die gleiche Schule in Eisenach. Seinen Unterhalt erwarb er sich mit Singen auf den Straßen vor den Türen der Bürger, wie so viele unbemittelte Schüler der damaligen Zeit, bis er durch die begüterte Frau Ursela Cotta sein Auskommen fand, die ihm Speise und Unterkunft in ihrem Haus bot. Im Jahr 1501 wurde er an der Universität Erfurt als Jurastudent immatrikuliert. 1502 war erwarb Luther sich den Status eines Bakkalaureus der Freien Künste (mit einer Leistung als 30. unter 57 Bewerbern). 1505 erlangte er den Magister der Philosophie (als 2. unter 17 Bewerbern). Während seines Studiums trat schon bald seine depressive Gemütsstimmung hervor, geprägt von seinen ständigen Gewissensängsten und melancholischen Stimmungen. Diese fast krankhaften Zustände führten ihn aus Anlass des plötzlichen Todes seines einzigen Freundes, der im Zweikampf erstochen wurde, sowie unter dem Eindruck eines furchtbaren Gewitters, wo er sich fürchtete von einem Blitz erschlagen zu werden, zu dem Entschluss, gegen den Willen seiner Eltern in ein Kloster einzutreten. In seiner Todesangst und unter der Anrufung der heiligen Anna leistete er den Schwur Mönch zu werden. Durch seinen launenhaften, heftigen, trotzigen und derbsinnigen Charakter war er aber wenig für den geistlichen Stand prädestiniert, noch für diesen Beruf geeignet.
Luther war kein Philosoph, kein Wissenschaftler und überhaupt kein systematischer Kopf, sondern ein von inbrünstiger von Religiosität erfüllter und nach den Impulsen dieses Gefühls handelnder Mensch.

Trotz der Abmahnung seiner Freunde und an sich selbst zweifelnd trat er am 17. Juli 1505 als Novize in das Augustiner-Eremitenkloster zu Erfurt ein. Nach dem feierlichen Gelübde empfing er am 2. Mai 1507 die Priesterweihe. 1508 erhielt er auf Vorschlag seines Ordens eine Professur an der von Kurfürst Friedrich von Sachsen neu errichteten Universität Wittenburg. Als Magister der Philosophie lehrte er ausgerechnet die Physik und Dialektik, des später von ihm so sehr geschmähten Aristoteles. Den untersten Grad des theologischen Bakkalaureats konnte er im Frühjahr 1509 erwerben. Anlässlich des Besuches der heiligen Stadt Rom legte er 1511 eine Generalbeichte ab, fand aber auch darin seinen erwünschten Seelenfrieden nicht; sondern wurde vielmehr durch erneute Anfechtungen schwermütig. In sehr erregter und exzentrischer Weise „bedauerte er (in Rom) es schier, dass seine Eltern nicht schon gestorben wären, damit er durch Messen und andere treffliche Werke und Gebete, sie aus dem Fegefeuer erlösen könne.“ - Mit dem üblichen Treue- und Gehorsamkeitseid auf die römische Kirche empfing er im Frühjahr 1512 die theologische Doktorwürde. Er dozierte über die Psalmen und einige der Paulinischen Briefe. Bald nach Erlangung des Doktorgrades erhält er als Nachfolger von J. von Staupitz die Professur an der theologischen Fakultät Wittenberg über das Gebiet der Heilige Schrift. Damit beginnen seine biblischen Vorlesungen, an denen er bis zu seinem Tode festhält. Als akademischer Lehrer, wie alle Prediger, fand auch er in seinen Reden begeisternden Beifall. Am 31. Oktober 1517 kommt es in Wittenberg zur Veröffentlichung seiner gegen Tetzel gerichteten Streitsätze über den Ablass. Er musste sich dafür 1518 vor Kardinal Cajetan in Augsburg verantworten. Zur Unterwerfung konnte er sich aber nicht verstehen. 1525 vollzieht Luther die Eheschließung mit der ehemaligen Nonne Katharina von Bora (* 1499, 1552). Luther starb am 18 Febr. 1546 in Eisleben. Seine letzten Lebensmonate waren überschattet von tiefgreifendem Ärger und vielen Enttäuschungen. Die Stadt Wittenberg schien ihm ein unzüchtiges Sodom und Gomorrha geworden zu sein.

 

1.2. Der Charakter

Luther war ein ernster, wissenschaftlich-frommer und sittenreiner Mönch, solange er unter Gleichgesinnten im Kloster war. Allein diese Vorzüge treten in den Hintergrund gegen all die Fehler, die nach seinem Abfall von der Kirche hervortraten. Im Kloster äußerte er sich schon recht unzufrieden, unbehaglich und unglücklich. Seine unheilige Sinnlichkeit reagierte gegen die Strenge und Reinheit des Ordenslebens und ließen seine Seele nicht zur Ruhe kommen.

Seine Person war eine in höchstem Grade unharmonische und von vielen heftigen Leidenschaften bestürmte Natur. In sich sehr gegensätzlich, war er auch kein scharfer Denker, sondern ein überaus keck, lebendig sprudelnder Phantast, volkstümlich und witzig beredsam; in seinen Reden oft innig und fromm, im Alltag aber derb schimpfend und schmähend. In seinen Schmähreden schwelgte er gern in Wortverunstaltungen. In all seinen Äußerungen war er sehr sinnlich. In seinem Wirken als Mönch ist Luther aber immer verehrungswürdig gewesen, in den Jahren als „Reformator“ dagegen aber wenig achtenswert. In jungen Jahren war er aber auch uneigennützig und freimütig. Er hatte stets den festen Glauben an Jesus Christus als den Sohn Gottes, an die unfehlbare Wahrheit und die wahre Göttlichkeit des Christentums; ein Glaube, aus dem er freilich weder für sein Denken noch für sein späteres Leben die notwendigen Konsequenzen gezogen hatte. Im Grunde genommen war er ein auf ein falsches Gebiet festgelegter, ein vielfach entstellter Nachklang aus der Zeit, als er noch Mönch war.

In seinem rücksichtslosen Ungestüm und seiner subjektiven Einseitigkeit, bezeichnet er sich als „den größten Lehrer der Christenheit.“ Während er der (katholischen) Kirche die Unfehlbarkeit absprach, nahm er dieselbe in der umfassendsten Weise jetzt für sich selbst in Anspruch. Damit geriet er auch mit dem von Ihm selbst verkündeten Prinzip der „freien Schriftforschung“ in starken Widerspruch. Verschiedene Ansprüche, so er sich den „allerheiligsten Vater Papst Luther I. von Gottes Gnaden“ nannte, lässt auf die zeitweilige Geistesgestörtheit schließen. Gern berief er sich, sich selbst zum Beweis, auf seine göttliche Sendung, während er zuweilen und wiederholt an der Wahrheit der eigenen Lehre zweifelte und von Gewissensbissen geplagt, auch über sein Tun und Treiben ergriffen wurde. Der Teufel spielte überhaupt im Leben Martin Luthers, wie in seinen Schriften, eine große Rolle. Es erscheint auch als unzweifelhaft, dass die Seele Luthers unter dämonischen Einflüssen stand. In unangemessener Weise ergab er sich völlig den Freuden des Weines und übervollen Tafeln. Eine Mäßigung darin war nicht mehr erkennbar.

Luther hat immer vom „reinen Evangelium“ gesprochen, selbst aber nicht danach gelebt. Er war ein mit hervorragenden Geistesgaben ausgerüsteter Mann, aber ein reiner, erhebender und christlicher Charakter war er nicht. Wenn sein revolutionärer Kopf ihn eigentlich hätte dazu drängen müssen die Marienverehrung abzulehnen, so hat sein pietätvolles Herz und sein Hang zur Tradition ihn davon zurückgehalten. Luther hat sein Leben lang die Gottesmutter verehrt und gern über sie die Predigt gehalten. Erst mit der späten „lutherischen Orthodoxie“ ist es kalt geworden im Protestantismus, weil ihnen die Mutter im Haus fehlte.

 

1.3. Sein Wirken

Mit der Veröffentlichung der Ablassthesen nahm Luthers Auseinandersetzung mit der Kirche seinen Anfang. Am 31. Okt. 1517 übergibt Luther seinem Diözesanbischof Hieronymus Schulz von Brandenburg und Erzbischof Albrecht von Magdeburg, als dem päpstlichen Ablasskommissar, seine Thesen. Mit dieser Handlung wollte er darauf aufmerksam machen, wie ungeklärt und ungewiss die Lehre vom Ablass noch sei, ohne aber den Ablass völlig zu verwerfen. Durch das lange Stillschweigen der Bischöfe als Antwort auf seine Artikel und der darauffolgenden Vervielfältigung derselben im Druck, wurde eine Wirkung erzielt, über die selbst Luther erschrocken war.

1518 trotzte er bereits in Augsburg dem päpstlichen Legaten Kardinal Thomas Cajetan de Vio und entzieht sich dessen Zugriff. Im Sommer 1519 kommt es zur Leipziger Disputation mit Johannes Maier aus Eck. Hier geht es schon nicht mehr nur um den Ablass, sondern auch um die Autorität und die Verbindlichkeit von päpstlichen Dekreten und von Konzilsentscheidungen. Diese Disputation war nicht nur das Ereignis des Jahres. Luther hat damit ein Signal zur Trennung von der Kirche gegeben und die menschlichen Geister zutiefst aufgewühlt. 1520 bringt er durch seine Sendschreiben und Appellationen an den Adel (aber nicht an den einfachen Bürger gerichtet), seine eigentlichen Reformationsschriften („An den christlichen Adel deutscher Nation“ -„Von der Babylonischen Gefangenschaft der Kirche“ - „Von der Freiheit eines jeden Christenmenschen“) zum Zweck der Leugnung der rechtmäßigen Lehre und der daraus abzuleitenden neuen Machtverteilung, unter anderem mit dem Inhalt: „dass eben nicht die geistliche Macht über der weltlichen Macht stehe; nicht nur die Kirche allein das Recht der Bibelauslegung hat; der Papst nicht allein ein Konzil berufen und bestätigen kann“, seinen wandelbaren Geist zum Ausdruck. Er fordert eine Kirchenversammlung für als notwendig zu behandelnde Themen: wie die Annaten, die weltliche Macht des Papstes, der Investitur, Wallfahrten, Zölibat und Fasten, über geistliche Strafen und die sittlichen Gebrechen innerhalb der Geistlichkeit. Diese Schreiben enthalten aber nur sehr wenig geistliche Themen. Später erfolgte noch sein Angriff auf das Dogma der Kirche. Luther anerkennt darin nur drei der sieben heiligen Sakramente (die Taufe, das Abendmahl und die Buße mit Einschränkungen). In der folgenden Zeit wird von ihm auch die Buße und die Mittlerrolle des Priesters angezweifelt. Alle Vermittlungen der katholischen Kirche und des Kaisers, diese Entwicklung hin zur Spaltung der Kirche und eines sich bildendes neues Kirchenwesen aufzuhalten, blieben vergeblich. In der Gestalt des Papstes will Luther den Antichristen erkennen und verbrennt am Elstertor zu Wittenberg am 10. Dezember 1520 im Beisein zahlreich applaudierender Studenten, den potentiellen Protestanten, die Bannbulle. Mit dieser Handlung vollzieht Luther seine Scheidung von der römischen Kirche, den unwiderruflichen Bruch mit derselben und stempelt sich selbst zum Ketzer.

Durch seinen Schutzherrn, den Kurfürsten Friedrich den Weisen, wird Luther zur Mäßigung aufgefordert. Er aber droht ihm mit den Worten: „Wenn er dem Papst widerstanden habe, werde er nicht einem seiner Geschöpfe weichen.“ Vor der Gefahr der Konfrontation mit Herzog Georg von Sachsen wird er aufmerksam gemacht. Luther glaubte sich aber nicht vor einem Zugriff fürchten zu müssen. Um seine Lehren weiter durchzusetzen, verbindet er sich mit den Territorialmächten. Das Prinzip des weltlichen Standes, zum eigenen Nutzen über die Geistlichkeit dominieren zu wollen, schlägt hier zum Vorteil des Protestantismus aus. Die Einkünfte der Pfründe gehen an Fürsten, den Adel und die Städte. In seiner Wankelmütigkeit tritt Luther aber auch mit demütiger Abbitte an König Heinrich VIII. von England und Herzog Georg von Sachsen heran, indem er gleichzeitig um Unterstützung der Reformation warb.

Dem am 6. März 1521 ergangenen Aufruf vor die Reichsstände in Worms zu treten, folgte der Augustinereremit gern, traf am 16. April 1521 in Worms ein und durfte am 17. April vor den Kaiser treten. Im Gegensatz zu Jan Hus konnte er sich sicher fühlen, da er unter den Fürsten und dem anwesenden Adel mächtige Gönner wusste, die alle ihre Machtfülle mit der Einschränkung der Kirche erlangt hatten und die revolutionäre Partei eines Franz v. Sickingen und Ulrich v. Hutten hinter sich wussten. Allein durch sie wurde Luther auch darin bestärkt, den Widerruf zu verweigern, selbst vorzeitig den Reichstag zu verlassen und abzureisen. Jedes Entgegenkommen wurde von Luther abgelehnt. Weder das Konzil von Konstanz, noch ein einzuberufendes Konzil wollte er anerkennen. Da das Wormser Edikt nicht durchgeführt wurde, der Kaiser war auf die Unterstützung des Adels im Kampf gegen die bevorstehende moslemische Gefahr angewiesen, konnte sich die Reformation ungehindert ausbreiten. Luther wurde hier zum Häresiarch - zum Ketzerfürsten. Die Kirchenspaltung machte unaufhaltsam weiter Fortschritte und war unter diesen Umständen nicht mehr aufzuhalten. Luther kommt 1521 unter die Reichsacht und tritt jetzt in den schärften Gegensatz zur Kirche. Wie ein großer Diktator hat Luther es verstanden, die ganze deutsche Nation in die Irrgänge seines psychologischen Prozesses zu verflechten, indem er sich selbst von allen seinen früheren Verpflichtungen löste: von seinem Glauben, der Disziplin und dem Gehorsam gegen die Kirche. Alles Heilige wurde für ihn - profan; alles Göttliche - satanisch; viel verbotenes - erlaubt; alle Tradition wurde verworfen; nur seine Autorität galt; was er bestimmte, wurde Gesetz. Es war das einfachste Mittel, alles was ihm widerstrebte und seiner Auffassung in Sitte und Recht entgegen war, einfach als vom Teufel gestiftet darzustellen. – „Was der Jüngling mit ganzer Kraft seiner Begeisterung erstrebt und wofür er selbst in den Tod zu gehen bereit war, das verwirft der Mann als unnütz oder schädlich, und der Greis wendet sich oft ganz von den Idealen seiner früheren Jahre ab.“ - Diese Erfahrung von Widersprüchen des Lebens finden wir auch bei Luther.

Die Zeit auf der Wartburg verbringt Luther mit einem genussreichem Leben, aber eben auch mit Verleumdungen der Pariser Sorbonne, des Erzbischofs v. Mainz, des Papstes und Anderer in übelster und ordinärster Weise. Er klagt über die Bauch- und Fleischeslust der Menschen, die großen Gestank in den guten Geruch des Evangeliums brächten, obwohl er es ihnen vorlebte. Er frönte nach Gelegenheit einem reichlichen Essen und dem gefüllten Becher. Seine Bibelübersetzung, für die deutsche Sprache und Nationalliteratur von Bedeutung, mit deren Durchführung er bei seinem zwangsweisen Aufenthalt auf der Wartburg 1521 begann, ist wissenschaftlich aber doch sehr laienhaft. Viele Passagen darin sind einfach falsch, manche Stellen unrichtig wiedergegeben. Der protestantische Bunsen nennt sie die ungenaueste und in 3ooo Stellen zu berichtigende Arbeit. Während der Arbeit an der Übersetzung rang Luther mit seinem Gewissen und tat seine Zweifel als Versuchung des Teufels ab. Als 1522 die Übersetzung des Neuen Testaments veröffentlicht wurde, zählte der protestantische Bibliograph Panzer bereits 18 Bibelausgaben. Während seines Aufenthaltes auf der Wartburg erhoben sich die Wiedertäufer und zertrümmerten unter ihrem Anführer Carlstadt in den Kirchen die Bilder, Altäre und Beichtstühle. Das Chaos war vollständig angerichtet. Luther verlässt am 6. März 1522 die Wartburg und geht mit seinen Aussprüchen: „auch wenn es 9 Tage 9mal stärkere Teufel regnete“, und „hieb“, von Kurfürst Johann v. Sachsen unterstützt, „den Schwarmgeistern auf die Schnauze“ nach Wittenberg. Damit vollzog Luther auch den Bruch mit Carlstadt.

Unter wüstem Schimpfen und Schmähen rief Luther 1525 das ganze Volk auf, all die katholischen Bischöfe zu vertreiben. Als diese einfachen Leute begannen seine Lehren umzusetzen und mordend und brandschatzend durch das Land zogen, hetzte er durch seine Schrift: „Wider die räuberischen und mörderischen Bauern,“ die Fürsten gegen dieselben auf, „sie wie tolle Hunde totzuschlagen, von denen jeder mit Leib und Seele verloren und ewig des Teufels sei.“ Noch in späteren Jahren hat er sich gerühmt, dass er die Fürsten dieses geheißen hat und von Gott dazu beauftragt worden war.

1524 verwarf er sein Ordenskleid, lästerte den Gelübden, dem Gehorsam, der Armut und der Jungfräulichkeit. Er forderte alle Mönche und Nonnen auf, gleiches zu tun. Er betrieb mit einer Emsigkeit die Auflösung der Mönchsorden, die ganz im Gegensatz zu italienischen Bestrebungen stand, wo man sich wieder auf die ursprünglichen Aufgaben und Pflichten innerhalb der Klöster besann und auf diese Weise zur Reform der Kirche beitrug. Aber von Luther wurde alles beschimpft und verhöhnt, alles was er gelobt hatte vor Gott, hatte plötzlich keinen Bestand mehr. 1525 heiratete der seinem ehemaligem Mönchstand Entlaufene und bereits zweiundvierzigjährige Priester, die auch einem Kloster entflohene sechsundzwanzigjährige Nonne Katharina v. Bora, indem sie von dem ebenfalls abgefallenen und vor einigen Jahren schon verheirateten Priester Bugenhagen, kopuliert wurden. Der alternde Luther heiratete als Priester in einer Zeit des Aufstandes, in welchem ganze Dörfer, initiiert durch seine Aufrufe an „Pöbel und Fürsten,“ in Flammen aufgingen und brennende Kirchen ihm als Hochzeitsfackeln zur „Vermählung“ leuchteten. Durch die deutschen Gaue dröhnten die Sturmglocken des von ihm geschürten Bauernkrieges und viele der Erschlagenen „schmückten“ sich mit ihrem Blut zum Hochzeitsfest des „großen deutschen Reformators“. Ein Mann, der in solch einer grauenhaften Zeit, in der die Saat seiner eigenen „Neuen Lehre“ so blutig emporschießen sah, nichts besseres zu tun wusste, als seine Gelübde zu brechen und seiner Begierde durch Heirat zu frönen, kann kein Herz für das deutsche Volk und die Menschheit mit seinen unmenschlichen und übergroßen Leiden gehabt haben. Seinen empörenden Ausdruck findet man auch darin, dass er seinem Freund Niklas Amsdorf seine Vermählung in einem Brief vom 21. Juni 1525 zusammen mit der Mitteilung anzeigt, dass in Franken 1o.ooo, in Schwaben 1o.ooo, im Herzogtum Württemberg 6.ooo und im Elsass 2o.ooo Bauern erschlagen wurden. Es ist bezeichnend für sein Empfinden und seine Einstellung zu seinen „Nächsten“. Von seinen engsten Freunden, so von seinem Anwalt Hieronymus Schurpf aus Worms, wird die Heirat Luthers mit der entlaufenen Nonne Katharina als ein verabscheuungswürdiger, sakrilegischer Frevel und als nichtswürdiges Konkubinat verurteilt. Nach seiner Maßregelung durch Freund und Feind verfällt er wieder in Schmähungen gegen den König, alle katholischen Fürsten, den Papst und alle, die seiner Lehre nicht zugetan sind.

Herzog Georg v. Sachsen schreibt in einem Brief an Luther: „Aus dein und deiner Jünger Lehre werden alle alten, verworfenen Ketzereien wieder erneuert und unser aller ehrbarer Gottesdienst zerstört. Wann sind mehr Sakrilegien gottgeweihter Personen hier geschehen, denn seit deinem aus der Bank hervorgebrachten Evangelium? Wann sind mehr Empörungen gegen all die Obrigkeit geschehen, als seit deinem Auftreten? Wann geschahen mehr der Beraubungen der armen und geistlichen Häuser, mehr Diebereien, Räubereien und Brandschatzungen? Wann waren mehr verlaufene Nonnen und Mönche in Wittenberg, als jetzt? Dies alles hat dein Evangelium gebracht. Mein Luther, behalte du dein Evangelium, das du unter der Bank hervorgezogen hast; wir wollen bei dem Evangelium unseres Herrn Jesus Christus bleiben.“

Luther hatte weder für auswärtige Angelegenheiten noch für die Verhältnisse des Reiches das richtige Verständnis. Er hatte keine richtige Form einer Organisation ins Auge gefasst. Ihm fehlte auch zu jeder Zeit der staatsmännische Überblick. Bei ihm war alles Überzeugung, nicht von Überlegung durchdrungen, obwohl er jetzt Wortführer der Nation war, und nicht mehr allein der Kirche. Nach seinem Abfall war die Kirche für ihn eigentlich nur noch dafür da, um von ihm unausgesetzt beschimpft und gelästert, geschmäht und begeifert zu werden. Seine Reden gegen die Teufel und Hexen haben zur Entwicklung der Hexenprozesse im 16. und 17. Jh. n. Chr. maßgeblich beigetragen. Bei einer Besprechung in Vorbereitung auf das Konzil 1535 in Mantua bezeichnet er sich wiederum in Gegenwart des ihm als Gesprächspartner bestimmten Unterhändlers Nuntius Vegerio, als „der deutsche Papst mit dem Cardinalis Pommeranus.“ Ebenso wenig Verständnis hatte Luther für die Forschung. Er forderte nur die Freiheit für die Forschung in der Schrift, auf andere Gebiete der Wissenschaften legte er keinen Wert. Die Theorie des Copernicus bezeichnete Luther als den „superklugen Einfall eines Narren, der die ganze Kunst astronomiae umkehren wolle.“

Melanchthon klagt nach Luthers Tod über dessen Eigensinn und seine Streitsucht; er sei auch politisch ohne Charakter und Konsequenz gewesen. Bullinger klagt immer wieder über Luthers Aufruf zu Gewaltregeln. „Luther will nicht mit der Schrift wider uns fechten, sondern mit dem Schwert. Er ruft und schreit den Kaiser, Fürsten, Herren und Städte an, dass man uns durchächte, vertreibe und töte. Ob das göttlichem Geiste gemäß ist, lass ich alle Gläubigen urteilen.“

Seine letzten Lebensjahre verbrachte Luther in Verbitterung. Wittenberg war eine Stätte der Unsittlichkeit und Zuchtlosigkeit geworden. Diese Stadt nannte er ein zweites „Sodom und Gomorrha.“ Im weiten Umfeld bejammerte Luther die sittlichen Zustände inmitten der Kirche des von ihm geschaffenen „reinen Evangeliums“, die fleischliche Freiheit der Lust, den offensichtlichen Überdruss am göttlichen Wort, sowie die Sünden aller Art. Alle seine letzten Schriften waren ausschließlich Schmähungen, die jeglichen Anstand vermissen ließen, für die es keine Feder, noch weniger eine Druckpresse hätte geben sollen. „Wider das Papsttum zu Rom vom Teufel gestiftet“, so hat Luther seine grobe Schrift im Jahr 1545 betitelt, der aus einer Werkstatt von Lukas Cranach dem Älteren ( 1553) unflätige Kampfbilder beigegeben worden waren. Sein Schimpfen und Schmähen erstreckte sich nun auch noch auf die Juden in unflätigster Weise. Diese Art von Polemisierung war seiner unwürdig, sie war nicht einem Seelenhirten, sondern eher einem Schweinehirten gleich. Der Aufruf gegen die Juden, das Brennen der Synagogen, das Verbot des jüdischen Gottesdienstes und als Höhepunkt alle Juden („die Juden, zur Hölle verdammten Teufel“) bei Todesstrafe zu verjagen, zeigt den Machtanspruch, den Luther, wie vieles andere mehr, für sich selbst in Anspruch nimmt. Seine letzten Werke waren die abscheulichsten Schmähschriften gegen die Juden („Schem Hamphoras“) und die nicht minder gestalteten gegen das Papsttum („Papsttum vom Teufel gestiftet“). Wie er gelebt hatte, so starb er, mit einem Fluch auf das Papsttum. „Pest war ich dir lebendig und Tod will ich dir hernach sein, o Papst,“ so lautete sein öffentlich verkündeter Vers auf Jubelmünzen. - So sehr einige Päpste als Person gefehlt hatten, deren Missstände beseitigt und getilgt werden mussten, so viel mehr hat der „Erneuerer und Führer des Reinen Christentums“ an der Kirche, dem Volk und an sich selbst gefehlt. - Obwohl er stets gegen den Reichtum und die Prachtliebe des Klerus in ihrem Leben und in den Kirchen aufgetreten war, hat der in Armut Herangewachsene noch trotz seines üppigen Lebensstiles ein Vermögen von 9.ooo Gulden hinterlassen.

 

2. Die Reformation

Reformation = ist im protestantischen Sinn = Häresie
Reformatiker = sind im protestantischen Sinn = Häretiker

„Reformation als Terminus technicus in der Geschichtswissenschaft ist die von M. Luther ausgegangene Bewegung, die zur Kirchenspaltung führte“ (Iserloh). Gemeint war eigentlich mit „reformatio“ stets die Reinigung der Kirche, ihrer Lehre, das Beheben von Missständen Einzelner und der kirchlichen Gemeinschaft, sowie ihrem Neuwerden durch das Zurückgehen auf das Alte und Bewährte.

Dem Glauben an den einen Gott und an den einen Herrn in Jesus Christus entspricht das Bekenntnis aller Gläubigen zu der einen und wahren Kirche, zu der wir uns alle im gemeinsamen Glaubensbekenntnis unserer heiligen katholischen Kirche bekennen. Jesus Christus wollte nur diese eine Kirche. Er sagte: „Auf diesen Felsen will ich meine Kirche (in der Einzahl) bauen“ (Mt. 16,18). Am Abend vor seinem Tod betete er: „Dass alle eins seien, damit die Welt glaube“ (Joh. 17,21). Das ist das Vermächtnis, das ist das Testament unseres Herrn Jesus Christus, das er seinen Jüngern und damit der Gemeinde als Verpflichtung hinterließ. Diese Einmütigkeit unter den Christen wurde auch das Markenzeichen der Jerusalemer Urgemeinde (Apg. 2,43-46). Der hl. Paulus kritisierte schon deshalb die Parteiungen und Spaltungen in der Gemeinde von Korinth (1 Kor. 10-17) heftig. Er ermahnte alle, die Einheit des Geistes zu wahren. Für ihn galt: „Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater für alle“ (Eph. 4,3-6).

Die Spaltung der Kirche ist also gegen den Willen Jesu. Demnach ist die Loslösung durch Luther eine Sünde und für die Menschheit ein Skandal mit all ihren Kriegen, Verfolgungen, Verurteilungen, Feindschaften und Entfremdungen bis hinein in die Familien.

„Die Reformation hatte viele Gesichter“, so formulierte es Arie van Deursen und meint damit die Reformation als europäische Erscheinung. Sie habe vor allem den Bruch mit der Kirche, die Verketzerung und die Vielfalt im Glauben zugleich bedeutet.

Zu Zeit der Reformation war die Reform der Kirche, ihrer Lehre und Lebens bereits voll im Gange. Auf den 31. Oktober 1517 datiert man den Anfang der reformatorischen Bewegung, die mit der Veröffentlichung der 95 Thesen Martin Luthers zu Ablass, Buße und Rechtfertigung einsetzte. Daraus resultierte leider, entgegen dem Willen all der Beteiligten, nicht die Erneuerung der Kirche, sondern eine dramatische Zersplitterung der Christenheit. Die abendländische Kirche hörte auf in ihrer Einheit zu bestehen. Mit der Vorladung Luthers zum Reichstag war die Reformation ein Politikum geworden. Der deutsche Fürst war nicht mehr der Bewahrer des uns überkommenen christlichen Glaubens, das Deutsche Reich war nicht mehr die Stütze der Christenheit, sondern war geradewegs das Exerzierfeld christlicher Meinungsverschiedenheiten geworden. Das religiöse Leben hatte in diesen Jahren überhaupt erst mit ihrer Vielfalt einen gewaltigen Aufschwung genommen und wurde begleitet von Ritteraufstand, Bauernkrieg und der Täuferverfolgung. Es hatte der Reformation einen „linken Flügel“ wachsen lassen, der sich den alten kirchlichen Obrigkeiten aber ebenso entzog wie den neu entstehenden in Mähren, Polen und den Niederlanden, in wechselnden Gemeinschaftsformen sich darstellend, wie den Brüdergemeinschaften oder den Täufern, welche auf diesem Feld für sich eine neue Zuflucht suchten. Ganz entscheidend für die Reformation und die im Jahr 1525 geführte Auseinandersetzung zwischen Luther und Erasmus von Rotterdam über den freien Willen, waren die internen Streitigkeiten der Protestanten. Mit dieser Denk- und Handlungsweise entfremdeten sie der Reformation erhebliche Teile des deutschen Humanismus.

Der Intellektuelle dieser Reformation war der Feingeist und Humanist Melanchthon. Was einst der Apostel Paulus für das frühe Christentum gewesen war, war Melanchthon für die Reformation. Er setzte, ebenso wie Paulus, den ungestümen Drang des ersten Aufbruchs in ein rationales System um. Die Reformation wurde durch den „Praeceptor Germaniae“, den „Lehrer Deutschlands“ intellektuell begreifbar. „Mit ihrer neuen Theologie und mit ihrem revolutionären Gestus hat die Reformation den territorialen Herrschaften die Kraft gegeben, sich selbst an die Stelle des Reiches zu setzen und dessen Rechte zu okkupieren“, so wird es beschrieben in einer neuen Untersuchung zu den Augsburger Beschlüssen. Was war der neue Gestus? Es war nicht nur ein Gestus, sondern im Kern eine revolutionäre Legitimation im Namen des neuen Glaubens. Im Ergebnis ist nicht mehr von einem Sturz im Sinn einer totalen Revolution zu sprechen, sondern von einem Umbau, einer revolutionären Veränderung innerhalb bestehender Gesellschaften. Ein Teil des deutschen Klerus verlor seinen gesellschaftlichen Stand, wurde „verbürgerlicht“, untertänig den Landesfürsten. Die Landesfürsten aber waren aufgestiegen in ihren Rechtsansprüchen zu protestantischen und de facto also auch zu katholischen Kirchenherren.

Deutschland wurde zur festen Burg der Ketzerei. Der innere Wert menschlichen Geistes war der Protestantismus, der in seinem innersten Wesen nicht nur kirchlich, sondern auch staatlich revolutionär war. Als militärisch-politische Bewegung war der Protestantismus aus lutherischer Sicht unbedingt notwendig und von einer allgemeinen Bedeutung. Auf Grund seiner Protestnatur war er die Ausgangsbasis von zahllosen und verschiedenster Standpunkte; er war offener, unbegrenzter Rahmen für alle möglichen Häresien und Irrtümer, sowie der Markt vielfältiger Meinungen und Verwirrungen.
Wenn Luther heute nach fast 500 Jahren wiederkäme, dann würde er vorfinden, dass von all denen, die die christliche Lehre nach „Gottes Ratschluss“ verkündet haben, eine Kirche von Bestand war und noch immer ist, die ihr Wort gehalten hat: die heilige katholische Kirche, die unwandelbar und unerschütterlich feststeht auf dem Fels, auf dem sie durch Jesus Christus gegründet worden war.

 

2.1. Ursachen der Reformation

Große Umwälzungen in der Gesellschaft, egal, ob sie politisch, sozial oder kirchlich sind, entstehen in einer Regelmäßigkeit dadurch, dass sich Unzufriedenheit angehäuft hat und die Sehnsucht nach Abhilfe sich nicht erfüllen will. Die Unzufriedenheit kann längere Zeit im Stillen gären, aber es bedarf dann oft nur eines geringen Anlasses, der ihr zu plötzlichen und gewaltigen Ausbrüchen verhilft. Das war zur Zeit Martin Luthers der Fall. Den Anstoß dazu gaben seine Thesen in Wittenberg, gegen einen vom Papst verkündeten Ablass zum Bau der Peterskirche, der ein Prachtbau werden sollte, ein Sinnbild der Größe und der Einheit aller Kirchen im Erdenrund. Unleugbar gab es auch kirchliche Missstände, die keineswegs schon bereinigt waren. Vor unseren Augen steht das Renaissance-Papsttum mit den Päpsten Alexander VI., Julius II. und Leo X., die für den Verfall des Papsttums verantwortlich zeichneten. - Als Papst Hadrian VI. 1522 die Bühne der Weltpolitik betrat und die Führung der Kurie übernahm, waren die Gegensätze schon unüberbrückbar geworden. Der Papst sandte zwar auf den Nürnberger Reichstag der für den 1. September 1522 einberufen worden war, seinen Legaten Nuntius und Erzbischof Francesco Chieregati v. Teramo, um die Durchsetzung des Wormser Edikt zu fordern, mit dem Luther in des Reiches Acht erklärt worden war. Diese Forderung war aber undurchführbar geworden, da einige Fürsten Luther unterstützten, die Kaiser Karl V. wiederum zur Aufstellung eines Heeres gegen die Türken benötigte. So erhielt Chieregati erst am 3. Jan. 1523 das Wort, wo er im Auftrag von Papst Hadrian VI., dem letzten der wenigen deutschen Päpste, die Welt aufhorchen lässt. Mit erstaunlicher und unerhörter, für diese Zeit völlig ungewohnter Offenheit hörte man den Nuntius vor den versammelten Reichsständen über die Ursachen des Abfalls und über die Verderbnis der Kirche sprechen. Als Päpstlicher Nuntius verlas er folgende Sätze im Auftrag des Papstes: “Wir bekennen aufrichtig, dass Gott die Verfolgung seiner Kirche geschehen lässt wegen der vielen Sünden der Menschen, besonders der Priester und Prälaten. Wir wissen, dass auch bei dem Heiligen Stuhl schon seit Jahren Verabscheuungswürdiges vorgekommen ist. Viele Missbräuche in geistlichen Dingen, Übertretungen der Gebote, dass dies alles sich zum Ärgeren verkehrt hat. So ist es nicht zu verwundern, dass diese Krankheiten sich vom Haupt auf die Glieder, von den Päpsten auf die Prälaten weiter verpflanzt hat. Wir alle, Prälaten und Geistliche, sind vom Wege abgewichen...“ (aus Geschichte der kath. Kirche v. Schrader, § 108, S.329 f), „deshalb sollst du in Unserem Namen versprechen, dass Wir allen Fleiß anwenden wollen, damit zuerst der römische Hof, von welchem vielleicht alle diese Übel ihren Anfang genommen, gebessert werde; und dann wird, wie von hier die Krankheit gekommen ist, auch von hier die Gesundung wieder beginnen.“ Dass diesem aufrichtigen Geständnis des Papstes kein Erfolg beschieden war, kann der Römischen Kirche nicht weiter angelastet werden. Die Durchführung des Wormser Edikts wurde vom Reichstag wieder aufgeschoben, da der Ausbruch eines Bürgerkrieges zu befürchten war. Martin Luther und seine protestantische Bewegung haben die echten Reformbewegungen der katholischen Kirche und im Besonderen die der Kurie in Rom nicht zur Kenntnis nehmen wollen.

Der Aufruhr war bereits durch die Unzufriedenheit des Bauernstandes vorbereitet. Im Jahr 1493 musste der Bundschuh grausam unterdrückt werden, welcher gegen die Geistlichkeit und gegen den Adel gerichtet war. 1514 wurde dann der Bauernbund („Armer Konrad“), der gegen die Unzufriedenheit, gegen das Beamtentum und die Steuerlasten auftrat, mit den gewaltsamsten Mitteln aufgelöst und mit schweren Strafen belegt. Die Auflehnungen richteten sich auch gegen die Kurie (allein 3oo.ooo Gulden wurden jährlich aus Deutschland an Rom abgeführt), gegen die Bettelorden mit ihren bedeutenden Einkünfte (sie machten jährlich 1 Mill. Gulden aus), gegen den sittlichen Verfall unter der Geistlichkeit, gegen die Unwissenheit im Volk und die geistliche Gerichtsbarkeit. Auch wenn die Reformkonzilien von Pisa (1409), Konstanz (1414-1418) und Basel (1431-1449) einige Verbesserungen der herrschenden Zustände und geringe Einschränkungen des Papstes erzielten, so waren die Auswirkungen für den gemeinen Mann nicht sofort spürbar und wurden wohl zum Teil auch nicht in allen Diözesen umgesetzt. Der gemeine, ungeschulte, unwissende Mann wurde durch die reformatorische Bewegung aufgereizt, das heißt, die Reformation beförderte eine Erregung unter den niedrigen Ständen, besonders unter den Bauern, welche sich auch mehrfach erhoben.

Die Ursachen für die furchtbaren Aufstände lagen also tiefer, d. h. in der misslichen Lage des Papsttums, das in dieser Zeit mehr auf ein Anwachsen seiner irdischen Macht bedacht war, als auf die Durchführung kirchlicher Reformen. Die Ursachen lagen also innerhalb der durch die Zeitverhältnisse bewirkten Missstände innerhalb des Klerus und des Klosterwesens, wo zu dieser Zeit die Klöster und höheren kirchlichen Würden in erster als Linie als Pfründe für den nachgeborenen Adel dienten; in der Darstellung der Habgier und Herrschsucht der Fürsten; in der sozialen Knechtschaft der Dienenden und vorwiegend dabei des Bauernstandes. Erst dadurch wurde die Reformation erweckt. Das Leben der Adligen und an den königlichen Höfen, wozu auch der Hof in Rom zu rechnen ist, war wenig dazu angetan, den Eifer für den alten Glauben zu erhalten. Im ganzen Europa war der Boden in mancherlei Hinsicht für einen Abfall von der Kirche empfänglich geworden. Obwohl Luther allein für das große Leid und das Unrecht des Bauernaufstandes voll verantwortlich zu halten ist, bleibt es doch abwegig, seine Person für den schmerzlichen Verlust, den unsere heilige Kirche erfahren musste, in ähnlicher Weise verantwortlich zu machen, wie man z. B. die Entstehung des Islams Mohammed zuschreiben muss.

Luthers Bewegung hat 1440 in der glücklichen Verschwisterung mit der zeitgleichen Erfindung des Buchdrucks die tausendfache und unaufhaltsame Verbreitung des Wortes ermöglicht. Erstmals in der Geschichte übte ein Massenmedium so seine Macht aus. Luthers Lehre konnte unter das unwissende, einfache Volk gebracht und zum Umsturz der bestehenden gesellschaftlichen Strukturen ermutigt werden.

 

2.2. Die Reformatoren, Vor- und Nachreformatoren

Luther hatte schon vorher viele Vorkämpfer oder Vorreformatoren, Mitstreiter oder Reformatoren mit ihren eigenen Ideen und ebenso viele Nachreformatoren oder Ketzer. Der Ruf nach einer Reform der Kirche wird im ausgehenden Mittelalter ganz allgemein erhoben. Außer bedeutenden Gestalten belegen das die Reformkonzilien von Konstanz und Basel.

Vorreformatoren waren unter anderen bereits:

Zu den Reformatoren sind zu rechnen:

Von den Nachreformatoren des 18. und 19. Jahrhunderts sind anzuführen:

Auch der deutsche Philologe Johannes Reuchlin wollte eine Reformation der Kirche, aber nicht ihre Spaltung. Thomas More, der Lordkanzler von König Heinrich VIII. von England und Bischof John Fisher, sie wollten eher ihr Haupt unter das Beil legen, als sich dem grausamen König wegen seiner Meinungsverschiedenheiten in anstehenden Kirchenfragen bedingungslos zu unterwerfen.

Es ist eine Unwahrheit, wenn man Luthers Werk als eine Reformation bezeichnet. Er kann trotz vielleicht guter Absicht nicht als Reformator gelten, sondern muss als ein Devastator des christlichen Glaubens und der Kirche bezeichnet werden, indem er doch die Schutzmauern niederriss, welche die christliche Kirche gegen ihre ewig feindlichen Mächte mit großer Mühe aufgerichtet hatte. Der Weltpriester und Ingolstädter Prof. Johannes Eck kann für sich das Verdienst in Anspruch nehmen, „scharf aufgewiesen zu haben, dass Luther nicht Reform, sondern Revolution bedeutete“ (Iseloh).

 

2.3. Die Verteidiger der Reformation

Die Stützen weltlichen Gewalt und die Förderer Luthers waren:

Andere Beförderer der Sache Luthers waren die Fürsten, die an der trotzigen Sprache gegen den Papst ihren Gefallen hatten und ihren eigenen Vorteil kalkulierten; ein großer Teil der Ritterschaft, die eine Erhebung gegen die ihre geistlichen und weltlichen Fürsten planten und Luther als ihr Werkzeug benutzten; vorwiegend aber die Studentenschaft, auf welche der Reiz revolutionärer Ereignisse wie ein Zauber wirkte; endlich das gemeine Volk, das in dem volksnahen und pöbelhaften Schreien, Schmähen und Schimpfen sein Wohlgefallen fand und damit „ihren“ Mann ehrte. Damit hatte Luther in der allgemeinen Unzufriedenheit unzählige Bundesgenossen.

In Schwaben gewann die Reformation unter der Führung der Reichsstadt Augsburg in den Städten an Boden. Einen entscheidenden Anteil am Erhalt des Protestantismus in den Ländern Schottlands, Frankreichs, den Niederlanden und Englands hatte Königin Elisabeth I. v. England mit ihrem fortdauernden Kampf gegen das Papsttum und das katholische Spanien.

 

2.4. Reformation oder Revolution?

Mit der Reformation wurden die Bauern und niederen Stände in die Lage versetzt, sich gegen die weltliche Obrigkeit und die Kirche (Landesherren, Fürsten und Bischöfe, die in den meisten Fällen ein und dieselbe Institution darstellten), als deren Bedrücker aufzulehnen. Die Bauernschaft stellte nach anfänglichen Erfolgen ihres Kampfes zwölf Artikel auf, die von den Gewaltigen des Reiches auch anerkannt wurden, aber, wie es Luther später auch immer wieder tat, wurden die Ansprüche und Forderungen ständig erweitert. Aus einer sozial-religiösen Bewegung wurde eine politische Erhebung. Sie stellte sich zum Ziel, die soziale Ordnung zu reformieren.
Der „Reformation“ schlossen sich Städte und Teile der Ritterschaft an, unter ihnen die Führer der blutigsten Kämpfe, die die Geschichte bis zu dieser Zeit kannte:

Als der offene Kampf ausgebrochen war, war es notwendig geworden, dass sich auch katholische Fürsten zusammenschlossen. Die zum Protestantismus tendierenden Fürsten reagierten aber ebenfalls. Es ist dabei zweifelhaft, ob die ungläubigen Fürsten, und nur diese haben darüber entschieden, über ein wirkliches Verständnis der Weltlage oder nur über einen politischen Instinkt geleitet wurden. Zu entscheiden war nicht über die Religion, sondern über eine Mehrheit, die über die äußere Machtverteilung, eine stabile militärische Sicherheit, die Bereitstellung von finanziellen Mitteln und über die Ordnung der Rechtspflege, die absolute Herrschaft zu erlangen trachtete. Die Einheit der Nation wurde damit gesprengt. Zur örtlichen und landschaftlichen Besonderheit trat die religiöse Trennung. Der Partikularismus war so sehr erstarkt, dass die Reichsgewalt zu Gunsten der Landesgewalt abdanken musste. Nur auf diesem Boden, der Habgier, Sinnlichkeit und Gewalt, konnte der Protestantismus gedeihen und sich über das ganze europäische Land ausbreiten. Man kann es nur bedauern, dass die gesellschaftliche Entwicklung einen solch skurilen Weg genommen hatte. In den Niederlanden wurde der praktizierende Katholizismus 1581 verboten. Kirchen und Klöster wurden Diebesgut der Geusen. Da große Teile der Bevölkerung weiterhin zum katholischen Glauben hielten und eine verstärkte Hinwendung dazu wieder zu verzeichnen war, „musste die Obrigkeit einen Mittelweg gehen: erlauben, was die katholischen Bürger für ihr Leben für unverzichtbar hielten, und zugleich in Form von Polizeimaßnahmen ihnen die Grenzen ihrer im Untergrund gelebten Freiheit aufzeigen“ (Arie van Deursen).

Mit dem Westfälischen Frieden (1648) wurde der größte politische und religiöse Kampf, den die Reformation in ganz Europa entfesselt hatte, beendet. Keiner der Religionsparteien war es gelungen, die gegnerische Seite zu dominieren. Wenn es zum Ende der Reformationszeit den Anschein hatte, als ob diese neue Lehre endgültig den Sieg gewinnen und mit ihrem revolutionären Vorgehen die alte Kirche völlig stürzen würde, so hatte diese sich schließlich noch einmal aufgerafft und namhafte Erfolge zu erzielen gewusst. Eine Einigung konnte zu dieser Zeit nicht mehr erreicht werden, denn das hieße, sich einer zentralistischen Macht unterzuordnen. Die Unterschiede in den jeweiligen Glaubensstandpunkten waren den Protestanten nur Anlass zum aufbegehren und zur Protestation gewesen. Die kirchliche Reformation war in Deutschland durch die Fürsten zur Realität geworden; in England trat sie mit den Parlamenten in Verbindung, indem sie durch das Gesetz bestätigt wurde. Jegliche Abweichung von der Strenge der Durchführung erschien als Attentat gegen den Bestand des Protestantismus.

Martin Luther war der religiöse Revolutionär, der all sein Vorhaben auf den Glauben abstellte und jede kirchliche Tradition verachtete, mit seinem fortschreitendem Alter aber immer mehr dem Schriftglauben anhing und die Grundlage einer sich bildenden starren Dogmatik schuf.

 

2.5. Die Gegenreformation

Unter dem Begriff - Gegenreformation - , seit dem Historiker Leopold von Ranke in allgemein üblichen Gebrauch, versteht man die Unterdrückung des Protestantismus in allen seinen Erscheinungsformen der politischen und militärischen Macht, um seinen verlorenen Einfluss auf Glauben und Gut wieder zu gewinnen. Allerdings muss die Gegenreformation von der Katholischen Reform unterschieden werden, wenn sie auch eng mit ihr verflochten ist. Sie setzte eine Konfessionsbildung voraus und konnte also erst Mitte des 16. Jahrhunderts in Erscheinung treten. Je weiter sich die Gesellschaft von den Anfängen der Reformation entfernte, um so weniger konnte man religiöse und politische Interessen voneinander trennen. Besonders wurde das unter den weltlichen Machthabern deutlich.

Zu der Zeit des Konzils von Trient hatte sich der Protestantismus in Landschaften des nördlichen Europas unter dem maßgeblichen Einfluss von König Gustav I. Wasa v. Schweden unerschütterlich festgesetzt, da die Einführung der neuen Lehre Luthers mit der Gründung neuer Dynastien und der Umbildung der gesamten Staatseinrichtungen zusammenfiel. In den deutschen Ländern hatte der Protestantismus ein unzweifelhaftes Übergewicht erreicht. Im Verbund mit Adel und staatlicher Verwaltung konnte er somit die politische Grundlage zu seiner Rettung und zu seiner Bedeutung für den Staat legen. Der Katholizismus verlor an Macht und Besitz. Zum Beispiel wurden dem Augsburger Bistum 1557 alle Klöster im württembergischen Land entrissen. Das Papsttum war in seinem Innern erschüttert und im Grunde seines Daseins gefährdet, hat sich aber zu behaupten und zu reformieren gewusst. In Italien und auf der iberischen Halbinsel hatte es alle feindseligen Bestrebungen abgestoßen und war im Begriff, alle von der Kirche Abgefallenen in der ganzen Welt wieder an sich zu ziehen. Das Papsttum errichtete in den Hauptstädten seiner Sphäre neue ständige Nuntiaturen zu den bereits bestehenden diplomatischen Vertretungen. Von Papst Pius V. wurde 1568 eine Kongregation für deutsche Angelegenheiten gegründet. Sie nahm konsequenten Einfluss im Sinne des Trienter Konzils. Die stärksten Einflüsse aber wirkten besonders durch die katholische Weltmacht Spanien unter ihrem König Philipp II., der sich, mit seinem ganzen Einfluss des südlichen Europas und die Niederlande, ganz entschieden zum Papsttum bekannte. Von den bedeutendsten regierenden Fürsten hielten sich der Deutsche Kaiser und die Könige von Polen und Frankreich, sowie die Herzöge von Bayern zur katholischen Kirche. In den Staaten von Ungarn, Frankreich, Polen und Bayern war die Masse der Bevölkerung zum Protestantismus nicht fortgerissen worden.

Das damalige deutsche Problem, die sich durchsetzende Reichsreform, verband sich mit der umfassenden religiösen Laienbewegung, die von Martin Luther ausgelöst wurde und die die kaiserliche Herrschaft mehrmals in starke Bedrängnis brachte. Sicherheit konnte erst mit dem Religionsfrieden 1555 wieder hergestellt werden. Dieser Friede war die politische Basis für die weitere Entwicklung des Kirchenwesens. Im Deutschen Reich standen sich ein sich noch ausbreitender Protestantismus und in zunehmenden Maße ein erstarkender Katholizismus gegenüber. Diese Entwicklung war auf beiden Seiten nur mit der vollen Unterstützung weltlicher Gewalt möglich. In Gang kommen konnte die Gegenreformation erst, wenn alle katholische Fürsten, nach dem Beispiel protestantischer Herrscher, die alleinige Geltung des katholischen Bekenntnisses auf ihrem Territorium durchsetzten. Die Kraft der Durchsetzung verdankt die katholische Kirche vor allem den Jesuiten durch ihren Einfluss in der Bildung, als Beichtväter an den fürstlichen Höfen und ihrer umfassenden Hingabe in der Seelsorge der katholischen Bevölkerung. Die Jesuiten, durch Kaiser Ferdinand I. gefördert und 1551 nach Wien berufen, begannen sie ihr erfolgreiches Wirken und folgten wenig später nach Köln und Ingolstadt. Von diesen drei Stützpunkten aus konnte sich die Gegenreformation weiter ausbreiten, von Köln über Koblenz, Frankfurt, Speyer, Trier, Mainz, Würzburg, dem Frankenland nach Böhmen, Mähren und Ungarn; von Ingolstadt nach Innsbruck, nach Augsburg und München, dem damaligen „Deutschen Rom“. Der Katholizismus hatte 1551 keine feste Stätte mehr in Deutschland, im Jahr 1566 aber mit Bayern, Österreich, Tirol, Franken, Schwaben, dem Rheinland, Ungarn, Böhmen und Mähren feste Burgen. In Bayern hatten sich die Landesherren der Reformation verschlossen. Zusammen mit ihren Bischöfen beseitigten sie die bestehenden kirchlichen Missstände. Innerhalb des Herzogtums Bayern setzte Albrecht V. zusammen mit den Reformkräften der Jesuiten das katholische Bekenntnis seit 1564 durch, dessen klarer Sieg sich 1575 abzeichnete. Die Gegenreformation erwachte in den Stiften und Hochstiften von Salzburg, Fulda, Augsburg, Mainz, Würzburg, Paderborn und Münster. Mit Herzog Ernst v. Bayern, der dem zum Protestantismus gewechselten Kurfürsten Gebhard Truchsess gefolgt war und mit seiner Amtsübernahme in Köln gleich fünf Bistümer auf sich vereinigte, war eine drohende Mehrheit im Kurfürstenkolleg abgewendet. Das waren die ersten nachhaltigen Ergebnisse in Deutschland. Die Jesuiten (Italiener, Niederländer und Spanier) wirkten vor allem im Bildungswesen. In kürzester Zeit konnten sie erreichen, dass es sogar Protestanten für gut erachteten, ihre Kinder aufgrund der besseren Ausbildung an den katholischen Universitäten und Gymnasien unterrichten zu lassen. Nicht nur durch die Lehre der Jesuiten gelang die Ausbreitung des Katholizismus, sondern auch durch die aktive Hilfe des weltlichen Armes, also der Gunst der Fürsten des Reiches. Summe des Religionsfriedens war die neue Erweiterung der Landeshoheit; zuerst geschehen in Bayern unter seinem Herzog Albrecht V., der von den Jesuiten Hoffäus und Canisius gewonnen war. Durch ihn wurden alle Professoren und Beamte auf das tridentinische Glaubensbekenntnis verpflichtet. Die tridentinischen Beschlüsse waren 1566 auf dem Augsburger Reichstag wieder angenommen worden. Seit dieser Zeit begann ein neues Leben in der katholischen Kirche in Deutschland.
Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass mit der Gegenreformation versucht wurde den Adel zu gewinnen, den höheren Bürgerstand im römischen Interesse zu erziehen, die Jugend in diesem Sinn zu unterweisen, den Einfluss auf die protestantisch gewordenen Stifte wiederherzustellen, in den Kammergerichten das Übergewicht zu erreichen, die mächtigsten Reichsfürsten für den katholischen Glauben zu gewinnen und somit die vorherrschende Macht in den deutschen Bundesverhältnissen zu verflechten.

Der Widerstand der Protestanten wuchs aber auch weiter an. In den Niederlanden breitete er sich von den nördlichen Provinzen her aus. Es zeigte sich aber auch hier recht deutlich, dass auf beiden Seiten, weder bei den Protestanten (in den Niederlanden waren die Calvinisten überall tonangebend), noch bei der katholischen Bevölkerung, die Entscheidung für ein Bekenntnis keine persönliche, sondern eine fremdbestimmende Entscheidung als eben der jeweils herrschenden politischen Macht war. Die Intoleranz war auch keine absolute katholische Domäne. In den Niederlanden wurde sie gerade auf protestantischer Seite mit der gleichen Ausschließlichkeit gepflegt, und zwar nicht nur gegen den Katholizismus der unter der Herrschaft katholischer Fürsten befindlichen Regionen, sondern auch gegen die Strömungen anderer protestantischer Observanz. Mit der Unionsakte von Utrecht vom 4. 2. 1579 gab es absolut keine Glaubensfreiheit mehr für katholische Gläubige in Holland und Seeland, aber für die Protestanten wurde eine Möglichkeit von Glaubensfreiheit in den katholischen Partner-Territorien der Union eindringlich gefordert. In Frankreich mussten 1573 den Hugenotten Zugeständnisse gemacht werden. König Heinrich III. v. Frankreich musste später gezwungen werden, die protestantische Religion im Land zu verbieten. Kaiser Ferdinand II. unterdrückte den Protestantismus (1598-1600) innerhalb seiner Hegemonie mit militärischer Gewalt. Großbritannien begegnete der Gegenreformation unter Königin Elisabeth I. mit der protestantischen Inquisition (Königin Maria Stuart wurde auch als katholische Fürstin enthauptet und man rechnet mit 200 weiteren Märtyrern in England). Die Fortsetzung dieser verhängnisvollen Entwicklung in der Auseinandersetzung von Religionsfragen war der Dreißigjährige Krieg.

Die Gegenreformation, als Teilvorgang der Geschichte, hat das Jahrhundert von 1550 bis 1650 entscheidend mitgeprägt. Ihr Erfolg war aber sehr begrenzt und hat der katholischen Kirche nur einen kleinen Teil der im Zuge der Reformation verlorenen gegangenen Gebiete zurückgewonnen.

 

3. Die Lehre

Die „Neue Lehre“ Luthers war nicht neu. Es gibt kaum einen Gedanken bzw. eine theologische Position, die Andere nicht schon vor ihm vertreten hätten. Luther baute seine Lehre auf der von Wiclif auf, der Lehre der besitzlosen Geistlichkeit; eine Kirche ohne weltlichen Besitz, war also auch keine neue Lehre von Luther, auch nicht in seiner persönlichen Wahrnehmung. Waldus, mit seiner Lehre der absoluten Armut und Wiclif, mit seiner Lehre der besitzlosen Geistlichkeit, besaßen mehrere einträgliche Pfründe, auf denen sie es sich wohl sein ließen. Luther verfügte in den letzten Jahren seines Lebens über ein ansehnliches Vermögen. Hus baute ebenfalls auf der Lehre des Wiclif auf. Sein Streben ging aber dahin, die Herrschaft oder die Mehrheit an der Universität in Prag zu erlangen. Er versuchte schon damals, um Bann und Interdikt zu umgehen, den böhmischen Adel aufzuwiegeln. Wie Luther hatte Jan Hus mehrfach Gelegenheit des Widerrufs, aber auch er erreichte zu Lebzeiten und noch mehr nach seinem Tode als Folge seiner irreführenden Lehren, nur Verwüstungen und Gräuel, Ausschweifungen sittlicher Art unter dem Volk und viele blutige Kriege in Böhmen.

Auf Grund der damals herrschen Verhältnisse, auch, oder gerade unter dem Klerus, war die Verkündung und Verbreitung der 95 Thesen Luthers in allen Volksschichten zur Handhabung des Ablasshandels berechtigt. Sie konnten in dieser Form eigentlich nur heilsam für die ganze kirchliche Gemeinschaft sein. Die maßlose Ausweitung auf Glaubensfragen und der eingeforderte Machtanspruch auf kirchlichem Gebiet, mit welchen Zielen auch immer verfolgt, konnte nur Verwirrung und Unheil stiften.

Die Lehre Luthers ist nicht Ergebnis seiner umfangreichen Schriftstudien, sondern vielmehr der Erguss seines eigenen krankhaften Gemüts- und Seelenzustandes. Seine Rechtfertigungslehre belegt diese Einschätzung, mit der er schon 1526 so weit geht, indem er die Beichte und Buße mit folgenden Sätzen ablehnt: „Der Mensch ist in Folge der Erbsünde ganz dem Bösen anheim gefallen, durch und durch böse und sündhaft; weder aus sich heraus, noch mit dem Beistand der göttlichen Gnade vermag er auch nur das geringste Gute zu tun. Eine Selbsttäuschung ist es, wenn der Mensch meint, gute und gottwohlgefällige Werke tun zu können. Alles Streben nach der inneren Reinigung und Heiligung der Seele in Gott durch gute Werke ist darum auch nichts weiter als ein verderblicher Irrtum und ganz gegen den Willen Gottes. - Wenn der Mensch gläubig anerkennt, dass er selbst durchaus böse und zu allem Guten unfähig ist, und zugleich glaubt, dass er (der Mensch), um der Gerechtigkeit Christi willen auch von Gott als ein Gerechter angesehen werde, obgleich er selbst es innerlich nicht ist, dann rechnet Gott dem Menschen um seines Glaubens willen die Gerechtigkeit Christi zu und sieht ihn im Lichte der Gerechtigkeit Christi als einen der Gerechten und Gerechtfertigten an. Wenn der Mensch diesen Glauben hat, so braucht er sich wegen keiner seiner Sünden, die ihm vorkommen mögen, und keines Mangels an Tugenden zu betrüben und zu ängstigen, er kann des ewigen Heils immer gewiss sein.“ -

Diese Anschauungen hatte er schon in den Jahren 1515/16 dargelegt, bevor der Streit um den Ablass ausbrach. Diese falsche Doktrin von der Rechtfertigung legte den Keim zu allen späteren Verirrungen auf dogmatischem und moralischem Gebiet. Diese seine Anschauung von der Rechtfertigung des Menschen nannte Luther „das Evangelium“, die „frohe Botschaft“, denn welche fröhlichere Botschaft, meinte er, kann es geben, als das der Mensch nicht allein durch Anstrengung, durch Besserung und Buße, sondern auf so leichte und bequeme Weise, wie durch die bloße Hinwendung des gläubigen Annehmens und des Sichzurechnens vor Gott gerecht und seines Heiles gewiss werde?
War die von ihm verkündete Rechtfertigungslehre die allein wahre und rechte, so musste falsch und unwahr sein die kirchliche, die von einer Rechtfertigung durch den Glauben allein nichts weiß, und die von dem gläubigen Christen verlangt, dass er den rechtfertigen Glauben in guten Werken tätig beweise und sich dadurch den Himmel verdiene.

 

3.1. Lehrmeinungen

Die wesentlichsten Standpunkte der Lehre Luthers waren:

- Rechtfertigung allein durch den Glauben. -
„Der Mensch ist in Folge der Erbsünde durch und durch böse. Das Streben nach innerer Heiligung und Reinigung von Sünde, in der Meinung , dass dies vor Gott etwas gelte, ist verkehrt und vergeblich. Gott bietet dem Menschen Gerechtigkeit, die durch gläubige Zurechnung sein Eigentum wird. Das, was Christus auf Erden für uns getan und gelitten hat, ist uns gegeben mit diesem Kleid der Gerechtigkeit, mit der der Mensch seine eigene Sündhaftigkeit im Vertrauen auf seine Allmacht nur zu bedecken braucht.“
Mit dieser Lehre hatte Luther der gesamten protestantischen Bewegung ihren Ursprung gegeben, geriet aber darüber auch ins Zerwürfnis mit Melanchthon und Agricola.

- Anerkennung der Heiligen Schrift als alleinige Erkenntnisquelle. -
Damit begründet Luther seine Ablehnung der mündlichen Überlieferungen aller Heiligen und Kirchenväter und des unfehlbaren Lehramtes der Kirche.

- Individuelle und freie Schriftforschung. -
Mit Unterwerfung der Untertanen unter die Glaubenswillkür der Fürsten ist eine individuelle und freie Schriftforschung gar nicht möglich.

- Anerkennung der Sakramente nur in der Taufe, im Abendmahl und im Bußsakrament mit Einschränkungen. -

- Ablehnung des Messopfers und Forderung des Laienkelches. -

- Ablehnung von Buße, Beichte, Anbetung aller Heiligen und der Marienverehrung. -

- Ablehnung des Fastens und Bezeichnung aller guten Werke als unerheblich. -

- Das Primat des Papstes und die Verpflichtung zum Zölibats wird entschieden abgelehnt. -
Auf eindrucksvollste Weise hat Luther vor der Welt diese Forderungen selbst für sich in Anspruch genommen.

- Ablehnung der Tradition. -

- Nichtanerkennung allgemeiner Konzilsbeschlüsse. -

- Bestreitung der normativen und den Glauben überwachenden Rolle des römischen Papsttums. -

Luther war kein verkannter Frühreformer auf dessen Kurs die Kirche später, als in ihr über notwendige Veränderungen ernsthaft nachgedacht wurde, von sich aus hätte einschwenken können. Martin Luther wollte sich selbst in seiner Person und mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln mit seinen persönlichen Anschauungen durchsetzen. Schon zu Lebzeiten Luthers gab es gravierende Differenzen in den verschiedensten Fragen seiner neuen Lehre, auch gegenüber seinen Mitstreitern Melanchthon, Erasmus v. Rotterdam, Calvin und anderen. Später erst entwickelte sich der Protestantismus zu einem einzigen Labyrinth unentwirrbarer Lehr- und Privatmeinungen. - Damit sage ich mit Luther: („Es ist notwendig, dass auch Irrlehren seien, damit die Bewährten unter euch offenbar werden“ 1. Kor. 11,19). Viele Vorlesungen hat Luther dem Thema der Häresie gewidmet (und damit eigentlich auch die Charakteristik der eigenen Lehre, der des Protestantismus, wiedergegeben, geschildert, gerichtet und damit auch verurteilt).

Der Häresie anheim gefallene Personen wurde von Luther wie folgt gezeichnet:

Hier wird eigentlich die Charakteristik des eigenen Wirkens von Luther ganz deutlich und der Protestantismus in seinem eigentlichen Wesen aufgezeigt. Niemals dürften die Protestanten auch nur von einer Häresie sprechen, da sie doch jedem Menschen durch die individuelle Schriftforschung die freie Entscheidung zur Erlangung der christlichen Glaubenswahrheiten garantierten; noch Andersdenkende verfolgen oder gar mit dem Tode bedrohen, wie es aber hunderttausendfach geschehen ist.

Nach dem Fundamentalsatz der Lehre: „Die Bibel sei die alleinige Glaubensregel,“ wurde Luther selbst zum Ketzer, da er doch wenige Jahre danach allen Pfarrern gebot, nur das zu lehren, was er mit Melanchthon an Glaubensregeln und Glaubensartikeln bisher und in der Zukunft sanktioniert habe.

 

3.2. Darstellung der Lehre

Während Luther der neuen Lehre durch seine Bibelübersetzung eine Grundlage gab, schuf sein engster Freund Philipp Melanchthon ihre erste Dogmatik. Er stellte die Lehre Luthers in klaren Formulierungen zusammen, besonders in seinen „Grundlagen der Theologie“. Diese Schrift wurde das Grundbuch des Luthertums und fand schon im Jahre 1525 allgemeinen Beifall.

Nun begann man, das in der „Neuen Lehre“ Neugeschaffene im Leben des Volkes zu verwirklichen. Kurz nach dem Reichstag zu Worms schaffte man die heilige Messe als „Götzendienst“ ab. Es blieb nur die eine heilige Kommunion, aber ohne vorhergehende Beichte. Das Zölibat wurde für alle Priester und Mönche aufgehoben. Die Widertaufe wurde in einigen Gebieten zugelassen. Alle religiösen Bilder wurden aus den Kirchen entfernt und verbrannt. Gegen letzteres Unwesen hat Luther erst sehr spät eingegriffen. Im Schreiben von 1520 („An den christlichen Adel deutscher Nation“) proklamierte Luther das allgemeine Priestertum, das Prinzip der individuellen Schriftauslegung, die absolute Entbindung des Papstes aller seiner kirchlichen und weltlichen Herrschaft, die Aufhebung der Gelübde und des Zölibats, die Abschaffung der Feste und des Fastens, sowie die Tilgung des kanonischen Rechts, als Kernpunkte seiner Lehre. Bald darauf leugnete er die Überlieferung der Heiligen Messe und tadelte das Heiligen Abendmahl in der Austeilung unter einer Gestalt. Er verwarf vier der Sakramente und erklärte den hundersten Teil des Kirchengutes als ausreichend zur Erhaltung der Kirche. Er erklärte die Fürstenherrschaft als über der Religion stehend und schmeichelte damit weltlichen Gewalten, die ihren Vorteil daraus zogen. Er versicherte zugleich dem Adel, Domstifte zur Versorgung der jünger geborenen Söhne und Töchter zu erhalten. Dann greift er mit der Verbrennung seiner Exkommunikationsbulle das Papsttum unmittelbar an, versucht aber wiederum Papst Leo zu schmeicheln, um ihn nach dessen unbeugsamer Haltung samt Kirche und Klerus kurz danach in maßloser Weise zu verleumden und mit dem Ausspruch: „Jeden, der dem Papst folge, wolle er, Martin Luther, einem göttlichen Gericht überantworten“. Nicht nur die Bulle, sondern der Papstthron müsse verbrannt werden, so erklärte Luther; und wer dem Papsttum nicht widerstrebt, kann die ewige Seligkeit nicht erlangen. Die üblen Karikaturen über den Papst von Lucas Kranach und die mannigfaltigen Schmähschriften des Ulrich v. Hutten wurden massenhaft unter das Volk gebracht.

 

3.3. Der Protestantismus

Dass man ganz bequem und mit dem selben Recht wie Luther, aus jedem beliebigen Blickwinkel betrachtend, auf tausend anderen und sehr verschiedenen, ja zum großen Teil geradezu diametralen Standpunkten stehen kann, dafür liefert der Protestantismus, als die Neue Lehre Luthers und die seiner vielen Mit- und Nachreformatoren in seiner geschichtlichen Entwicklung den schlagendsten Beweis. 1519 begann die Geschichte des Protestantismus mit dem Protest gegen die konziliare Unfehlbarkeit, denn es ist ein Unterschied zwischen wahrer Glaubenshaltung und falschem Ablasshandel. Aber der Protest gegen die Lehrautorität des Konzils bereitet gerade den Grund für ein neues Heilsverständnis aus persönlicher Überzeugung. Luther musste aber noch während seiner Lebenszeit zu seinem großen Ärger erfahren, dass viele seiner Anhänger es für gut befanden, in wichtigen Teilen seiner christlichen Neuen Lehre andere Standpunkte zu vertreten als er, der Hauptreformator. Auch konnten sie ihre Lebensweise, ebenso wenig wie Luther selbst, absolut nicht in Übereinstimmung bringen mit den von ihnen selbst vorgelegten Lehren. Der Protestantismus, das „Große Schisma“ Luthers, wirkte mit dem Wormser-Edikt als Mittel zur Partikularisation und der Machtausdehnung der europäischen Mächte, und dass besonders in Deutschland.

Mit Jan Hus (1370-1415) war die Anfechtung der kirchlichen Lehre gleichzusetzen mit politischer und sozialer Umwälzung, welche den Bestand von Staat und Kirche in Frage stellte. Es entstand unter ihm eine solche Bewegung in der Bevölkerung, wo der kirchliche Sinn im Volk noch nicht abgestumpft, die Volkskraft also noch ungebrochen war; wo die Folgen aber unabsehbar sein mussten. Diese beiden Faktoren waren in den deutschen Landen unstrittig vorhanden. Das ungestillte, religiöse Bedürfnis bezeugen die wachsende Zahl der Bibelauslegungen und Übersetzungen.

Girolamo Savonarola (1452-1498) war ebenfalls, wie Luther auch, entgegen dem Willen seiner Eltern als junger Mensch dem Kloster beigetreten. Er war 1489 vom Dominikanerkonvent von San Marco in Florenz aufgenommen worden und seit 1491 Prior desselben geworden. Zeitlebens war er zufrieden, glücklich, sittenrein und ein frommer Katholik. Deshalb ist er auch nicht unter die Reformatoren im eigentlichen Sinn zu rechnen, da er nur mit der unwürdigen Person des weltlichen Papstes Alexander VI. im Streit lag und die unwürdigen Zustände der Kurie anprangerte. Allein aus diesem Grund musste er den Martyrertod erleiden.

Desiderius Erasmus von Rotterdam (1466-1536), Theologe, Pädagoge, Reformer und auch Kritiker, aber ohne die Konsequenz zum Schisma, das Synonym des antiken Menschentums und christlicher Ethik. Als Herausgeber seines kritisch-griechischen Urtextes der Heiligen Schrift in lateinischer Sprache, er hatte 1516 das Neue Testament neu aufgelegt, bezeichnete er die Kenntnis der Muttersprache als eine Voraussetzung wissenschaftlicher Arbeit. Er versuchte auf der Grundlage des Bestehens der Kirche dieselbe durch den Humanismus zu reformieren und trennte sich auch nicht von der katholischen Kirche. Erasmus übte seine Kritik an reinen Äußerlichkeiten, wie dem stereotypen kirchlichen Zeremoniell des Gottesdienstes, dem Fasten und Sakramenten, sowie der Heiligen- und Marienverehrung. Später distanzierte er sich gänzlich von der protestantischen Reformation und im Streit über den freien Willen vom ursprünglich mit Sympathie bedachten Luther. Ihm waren verschworene Parteigänger verhasst.

Unter Calvin (1509-1564) wurden Veränderungen in Genf vorgenommen, mit denen er seine Ansichten von Kirche und Staat unter Anwendung intoleranter Maßnahmen verwirklichen konnte. Von 1542 bis 1546 verhängte er wegen angeblicher Zauberei, einem Bündnis mit dem Satan, als Pestbereiter und anderen angezeigten unliebsamen Erscheinungen 58 Todesurteile und 76 Verbannungen. Vor Verstümmlungen, einer Kinderfolter und Exekutionen schreckte Calvin nicht zurück und übte damit den ärgsten Absolutismus aus. Der spanische Arzt Servedis wurde auf seiner Durchreise um einen Streit über die Dreieinigkeit in Genf gefangengesetzt und dem Feuertod übergeben. Calvin ist neben Luther und Zwingli der bedeutendste, aber auch der radikalste und brutalste „Reformator“ des 16. Jahrhunderts. Wie die Calvianer in der Schweiz, so setzten auch die Hugenotten in Frankreich und die Presbyterianer in Schottland, Leben und Gut, Weib und Kind für ihre Ideale aufs Spiel und zeigten kein Erbarmen allen Andersdenkenden gegenüber. Er selbst wirkte seit 1536 in Genf kühn, leidenschaftlich, fanatisch. Die Durchsetzung seiner Lehre erreichte er nur mittels Kerker, Verbannung und Hinrichtung.

Zwingli (1484-1531) war ein sittlich tief gesunkener Priester mit einem schmutzigen und ausschweifendem Leben ohne jegliches Schamgefühl durch seinen fortwährenden Umgang mit Dirnen. Seine kirchenpolitische Neuordnung führte er besonders in Zürich durch. Mehrere Vereinigungsversuche mit Luther ließ er immer an den dogmatischen Differenzen scheiterten. Zu Beginns des großen Bauernaufstandes setzte dann auch der Abendmahlsstreit mit Luther ein. Seit dieser Zeit hatte nicht nur der Papst die Ehre „vom Teufel besessen zu sein“. Sein Ableben (1531) wurde von Luther mit den Worten kommentiert: „Der Teufel habe ihn in das andere Leben befördert.“

Ulrich von Hutten (1510-1546), ein treuer Gefolgsmann Luthers, setzte seine Mittel kompromisslos gegen den römisch-katholischen Klerus in sprachgewaltigen satirischen Streitschriften und Reden ein. Er erlag bereits in jungen Jahren seinem unmoralischen Lebenswandel.

Thomas Müntzer (1490-1525), der Führer des bäuerlich-plebejischen Lagers, wurde in den ersten Jahren seines Wirkens durch seinen Einfluss auf die Volksmassen von Martin Luther zur Bekämpfung des Katholizismus aktiv unterstützt, später aber, als das aufrührerische Volk außer Kontrolle geraten war und Müntzer nur noch seine eigenen Pläne verfolgte, wurde er von Luther gemieden und bekämpft. Müntzer wurde für sein revolutionäres Tun hingerichtet.

Der frühbürgerliche Humanist Philipp Melanchthon, * am 16. Februar 1497 in Bretten, am 19. April 1560 in Wittenberg, seit 1518 Prof. an der Universität zu Wittenberg für griechische Sprache, begeisterte sich dort für die reformatorische Lehre Luthers. Seit 1519 ist er engster Mitarbeiter Luthers und Systematiker der Neuen Lehre. Trotz seiner hervorragenden Begabung war er nicht der Feuergeist wie Luther, sondern der eher trockene Schulmann. Aber als eifriger Mitstreiter Luthers kämpfte er gegen die Scholastik und festigte mit allen seinen Reden und Bekenntnisschriften den dogmatisch-theologischen Protestantismus. Mit dem „Augsburger Bekenntnis“ von 1530, seiner „Apologie der Augustana“ von 1531 und dem „Tractatus de potestate papae“ (1537) schuf er grundlegende Bekenntnisschriften der Reformation und verteidigte in Jahren von 1530 bis 1535 das Luthertum gegen die alte Kirche. Als bekennender „Humanist“ erklärte er die Untertanen der Obrigkeit als völlig rechtlos. Für alle Ketzer (für ihn sind es alle katholischen Gläubigen) forderte Melanchthon eine Körperstrafe und für alle Wiedertäufer die Todesstrafe. Calvin gratulierte er zur Verbrennung des spanischen Arztes Servedis. Unter dem Eindruck des Bauernkrieges und als entschiedener Gegner von Thomas Müntzer setzte er sich für eine Wiedervereinigung beider Kirchen ein. Er baute das evangelische Bildungswesen und das Landeskirchenwesen auf.
Trotz all der Charakterunterschiede und zeitweiser Entfremdung, blieb er ein Freund Luthers. Zwischen so verschiedenen Charakteren konnten Differenzen nicht ausbleiben. Zerwürfnisse mit Luther waren die Folge und in dessen letzten Lebensjahren ein fast völliges Unverständnis. Er bezeichnete 1548 Luther als eine schmähliche Knechtschaft.

Luther (1483-1546), als der „Hauptreformator“, muss es geschehen lassen, dass alle seine Mitstreiter und Anhänger in ihren Angriffen gegen die katholische Kirche viel weiter gehen und vorwiegend ihre persönlichen und politischen Ziele verfolgen. Der fortschreitende Zerfall des Protestantismus und dessen Einheit dokumentiert sich nicht nur in Auseinandersetzungen zwischen den Lutheranern, Calvinisten und Reformierten, sondern wiederum auch zwischen Episkopalen, Puritanern, Arminianern, Gomaristen und anderen Sekten. Im zu Ende gehenden Jahrhundert waren die vielen vereinzelten Standpunkte aller größeren und kleineren protestantischen Sekten nicht mehr zu zählen. Sie alle sprachen: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen,“ und verfluchten sich gegenseitig bis zum Tode.

Die von Philipp Melanchthon und Bugenhagen in 12 Artikeln verfasste Augsburger Konfession, die Hauptbekenntnisschrift der Protestanten, Melanchthon bezeichnete sie als katholisch, wurde 1530 noch während des Reichstages abgeändert. Damit kam zum Ausdruck, wie wenig man sich fest und einig in entscheidenden Fragen des Glaubens untereinander zeigte, welche doch auf dem Reichstag verteidigt werden sollten. Die Vertreter des künftigen „Augsburger Bekenntnisses“ demonstrierten damit nur ihre Katholizität in ökumenischem Sinn. In einem dogmatischen Vergleich war die Aussage Melanchthons falsch, so dass Kaiser Karl V. mit einer Widerlegung antworten konnte. Melanchthon war immer bestrebt eine Einigung unter den Parteien zu erzielen und konzentrierte zusammen mit dem päpstlichen Legaten Campeggio seine Forderungen auf vier Artikel: den Laienkelch, die Priesterehe, dass alle Messen in der Volkssprache gefeiert würden und die Enteignung des kirchlichen Besitzes, aber die eigene Partei agierte dagegen. So schrieb er am 1. Sept. 1530 verärgert an Luther: „Ihr könnt nicht glauben, wie verhasst ich den Nürnbergern bin, und ich weiß nicht wie vielen anderen wegen der den Bischöfen wieder eingeräumten Jurisdiktion. So streiten sich Unserige nur für ihre Herrschaft, nicht für das Evangelium.“ Drei Tage zuvor schrieb er: „Nach der Lehre und Religion fragen sie nicht viel, allein ist es ihnen um die Regierung und Freiheit zu tun“. Aber Luther war selbst mittels seiner eigenen schriftlichen Gutachten von Coburg aus bemüht, alle Einigungsversuche Melanchthons zu hintertreiben. Die kaiserliche Widerlegung wurde damit zum Reichstagsbeschluss erhoben. Die bereits angebahnten Friedensverhandlungen hatten sich damit zerschlagen, deren Erfolg aber Deutschland in religiöser und politischer Beziehung vor dem unsäglichem Unglück hätte bewahren können. Das alles führte zu dem entscheidenden Bruch und Deutschland war fortan in Konfessionen getrennt.

Am 27. Febr. 1531 wurde der Schmalkaldische Bund zwischen protestantischen Städten und Reichsfürsten geschlossen, um gegebenenfalls militärischen Widerstand gegenüber dem Kaiser leisten zu können. Diese Vereinigung legte den Grundstein zum späteren so verderblichen Bürgerkrieg in Deutschland. Das Bündnis der deutschen Protestanten mit dem katholischen Frankreich gegen die deutschen Katholiken war in politischer Hinsicht die erste bittere Frucht der Glaubenserneuerung für Deutschland. - Anlässlich der Gründung des Schmalkaldischen Bundes veröffentlichte Luther sein „Fluch-Vaterunser gegen den Papst und die Katholiken.“ - Darauf folgte dann auch die Ablehnung der Einladung zum früher so oft von ihm geforderten allgemeinen Konzil. In seiner Antwort auf die Einladung zum Konzil wird der Papst als Antichrist definiert und die Unüberwindlichkeit zwischen der katholischen und der lutherischen Kirche ob ihrer Gegensätzlichkeit zur Heiligen Messe festgestellt.

Im Protestantismus wurde die Philosophie zur Magd der Theologie, indem man sich auf den von Martin Luther geschmähten Aristoteles, als den Beherrscher der katholischen Scholastik, bezog. Um den Unterricht an den Schulen und Hochschulen zur Erstellung einer festen Organisation und einem verbindlichen Lehrgebäude zu gewährleisten war es notwendig, sich auf einen der bewährten Philosophen zu stützen, der später dessen ungeachtet von Luther scharf angegriffen und verleumdet wurde. Mit den notwendig gewordenen Kompromissen in der ermutigenden Zusammenarbeit mit Melanchthon, wurde vieles von der ursprünglichen Gewalt und der mystischen Tiefe des lutherischen Glaubens aufgegeben.

Das Zerwürfnis Martin Luthers mit Philipp Melanchthon und Agricola über die Rechtfertigungslehre vertiefte sich immer mehr. Luther selbst, eigentlich nur ein religiöser und politischer Revolutionär, nicht aber der Glaubensstifter der neuen Zeit, sondern der absolute Häretiker, sagt sich mit der Verbrennung der Exkommunikations-Bulle von Kirche und Papst los. Aus beständigen Sündenängsten und Seelenkämpfen kommt er zur „Reformation.“ Luther beseitigt das Messopfer, hebt den Unterschied zwischen dem Priester und dem Laien auf, setzt die Austeilung des Sakraments unter beiderlei Gestalt ein, bricht mit der Aufhebung des Zölibats und des Klosterwesens die seinem Gott geleisteten Gelübde und leugnet das Primat des Papstes und verweigert den Gehorsam, welchen er ihm schuldet. Dem Nuntius in Deutschland gibt er zu erkennen, dass er den Papst mit einem Heer freudig in Württemberg begrüßen würde. Trotz der bedrohlichen Situation, die durch die einfallenden moslemischen Türken entsteht, bleibt er einer Einigung der beiden feindlichen Lager gegenüber im Jahr 1539 unnachgiebig. Den Untergang der Deutschen Nation und der gesamten Christenheit, verursacht durch die gewaltigen Heermassen der Osmanen, wollte Martin Luther vor einem möglichen Anschluss an die römisch-katholische Kirche vorziehen. Ein zu berufenes Konzil und auch das kaiserliche Kammergericht werden von Luther abgelehnt. Sachsen wird 1539 entgegen dem bestehenden testamentarischen Vermächtnis mit Hilfe seiner Intervention protestantisch. In einem Krieg sich gegenseitig befehdender protestantischer Heere, spricht Luther Verdammnis und Absolution aus. Die Verhandlungsergebnisse aus dem Jahr 1541, erzielt unter Kardinal Gropper und Melanchthon, lehnt er entschlossen ab.

Der Protestantismus ist gegen jede politisch zentral gerichtete Protestbewegung, er trachtet danach, sein Dasein und sein Bestehen anhand von politischen Vereinigungen mit Unterstützung der weltlichen Gewalt zu sichern. Es ergingen Appelle an den Adel und die kaiserliche Majestät um Einflusserhalt und Ausdehnung. So empfiehlt Luther dem Markgrafen Georg v. Brandenburg: „Es wäre fein, dass Ew. Fürstliche Gnaden aus weltlicher Obrigkeit den Pfarrherren und Pfarrkindern gebieten, dass alle bei einer Strafe müssten den Katechismus treiben und lernen, auf dass sie, weil sie Christen sein wollen, auch gezwungen werden, zu lernen und zu wissen, was ein Christ wissen soll; Gott gebe, er glaube daran oder nicht.“ – In den ersten Jahren trat Luther als ein Mann des einfachen Volkes auf. Als aber im Bauernkrieg, das erst durch ihn und seine Lehre revolutionierte Volk seine Sache stark zu kompromittieren anfing, da schlug er in das entgegengesetzte Extrem um. Nun war er ein Mann der Fürsten geworden, der nichts besseres zu tun wusste, als die Fürsten gegen das arme, von ihm selbst irregeleitete Volk aufzuhetzen und bald darauf die einzelnen Landeskirchen ganz der Gewalt der Fürsten auszuliefern.

Aufgrund eines Protestes gegen einen Mehrheitsbeschluss der Vertragsunterzeichneten auf dem Reichstag zu Speyer am 21. Febr. 1529 erhielt die Partei dieser Widerständler (als eine Minderheit gegen die Majorität auftretend), die Bezeichnung - Protestanten.

 

3.3.1. Die Bibel als alleinige Glaubensregel

Schon in den ersten Jahren seines eigenständigen Wirkens leugnet Martin Luther mit seinem Grundsatz, nur die Heilige Schrift als alleinige Glaubensregel anzuerkennen, alle schriftlichen Überlieferungen, wie auch die mündlichen Bekenntnisse der heiligen Kirchenlehrer und Väter. Luther beruft sich zwar mitunter auf die alte Kirche und ihre Tradition, aber auch nur, um in Glaubensfragen selbst glaubhaft zu wirken oder eben Glaubhaftigkeit vermitteln zu können. Er lehnt Heiligenverehrung und die Verehrung der Gottesmutter Maria ab, obwohl auch in der von ihm übersetzten Heiligen Schrift geschrieben steht: „Denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd gesehen. Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder....“ (Lk. 1, 48)

Es muss hier ausdrücklich gesagt werden, dass die Bibel für Luther selbst nicht die alleinige Glaubensregel gewesen ist, denn er hat die Sakramente geleugnet, die Buße, das Fasten und viele Feiertage abgeschafft. In der Heiligen Schrift steht ist aber auch zu lesen: „Rüttle nicht an uralten Grenzsteinen, die schon deine Ahnen gesetzt!" (Spr. 22, 28)

Für Luther kann die Bibel auch gar nicht als alleinige Glaubensregel gelten, denn er erkennt die Bibel als heilige Schrift nicht einmal an, denn er erklärt das Alte Testament, wie auch das 2. Buch der Macabäer, als nicht zur Heiligen Schrift gehörig. Alles was über Jahrhunderte durch Überlieferung und Forschung fundamentalisiert wurde, möchte dieser Einzelne „Reformer“ in Frage stellen, um seine ständig wandelbaren Lehren zu dokumentieren.

 

3.3.2. Das Formalprinzip der Rechtfertigung durch den Glauben

Zu diesem Thema sollen Luthers Gedanken und Anschauungen, entnommen aus seinen Schriften, hier vorgestellt werden. Es heißt darin: „der Mensch ist einmal in diese Welt des herrschenden Bösen versetzt, eine Welt, welche nicht in der Finsternis, sondern die Finsternis selbst ist. Er selbst ist also infolge der Erbsünde durch und durch böse. Das Streben nach innerer Heiligung und Reinigung von Sünde, in der Meinung, dass dies vor Gott etwas gelte, ist verkehrt und vergeblich; nur Gott allein bietet dem Menschen, der es zu keiner eigenen, wirklich inneren Gerechtigkeit zu bringen vermag, eine schon fertige, fremde Gerechtigkeit anzunehmen, die er sich nur noch zuzurechnen braucht, und die mittels dieser gläubigen Zurechnung sein persönliches Eigentum wird. Das, was Jesus Christus auf Erden für uns getan und gelitten hat, das ist dieses Gewand der Gerechtigkeit, in welches der Mensch sich nur zu einzuhüllen braucht, mit welchem er seine ganze Schuld und stete Sündhaftigkeit nur zuzudecken vermöchte, um sofort von Gott für gerecht erklärt zu werden. Denn was immer Christus getan und gelitten hat, das hat er an meiner Stelle getan und geduldet, damit ich selbst dieser ohnehin für mich unlösbaren Aufgabe, innerlich wahrhaft gerecht und vermöge dieser Gerechtigkeit auch gottgefällig zu werden, überhoben wäre; mir aber obliegt es nur, diese Leistungen nunmehr durch den Akt des Glaubens an unseren Herrn Jesus Christus ganz zu meinem Eigentum zu machen, sie mir zuzurechnen und mich im Vertrauen auf diese fremde, aber meingewordene Gerechtigkeit vor Gott, der mich sofort als Gerechten anerkennt und behandelt, darzustellen.“ (Kirchenlexikon)

Mit dieser Auffassung hatte sich Luther von einer Glaubenswahrheit entfernt, die neben dem Dogma von der Gottheit Christi, die wichtigste im kirchlichen Lehrgut ist. Kein Verderben, keine Einsicht noch Erkenntnis, kann aber so groß sein, um zu einem Abfall von der geheiligten Kirche zu berechtigen. Besser ist es, Bestehendes zu restaurieren, wie es die Konzilien immer wieder der katholischen Christenheit vermittelten, als sich den unsicheren Versuchen, etwas anderes hervorzubringen, anzuvertrauen.

 

3.4. Irrtümer der Reformation

"Seid alle einmütig und duldet keine Spaltungen unter euch, seid ganz eines Sinnes und einer Meinung!" (1 Kor. 1,10)

Alle Reformatoren (somit auch Dr. Martin Luther) sind nach Lesung und Auslegung der Heiligen Schrift (1. Petrus 2,1 und Römer 16, 17) und den jahrtausendelang geltenden Grundprinzipien des Christentums Irrlehrer. In der Regel ist jeder Reformer versucht immer allein zu handeln und damit aufgrund seines Wirkens nicht vollständig in die Gemeinschaft der Kirche integriert. Ein Einzelgänger zu sein stellt eine Kraft dar, aber auch eine Gefahr. Es ist die Gefahr, sich von der Einheit der Kirche zu trennen bis zu dem Punkt, an dem er der Häresie verfällt. Anstatt die Voraussetzungen hinzunehmen, so wie das Christentum in der Kirche konstituiert ist und sich den Gläubigen anbietet, so wie es existierende Realität ist, der man sich angleichen muss, so neigt der Reformer dazu, die Religion einer menschlichen Gegebenheit gleichzustellen, die nach Belieben bearbeiten werden kann. Wer seine Kirche liebt, versucht nicht mit allen Mitteln eine neue zu schaffen, sondern versucht allenfalls bei vorherrschender Notwendigkeit, sie in den Augen der Menschen schöner und vollkommener zu machen. Der hl. Franziskus stellt uns das genaue Gegenteil zu Luther dar, so wie eine Reform um der Heiligkeit willen im Gegensatz zu einer Reform um der Kritik willen steht. Luther ging mit dem Willen zur Reformation den Weg seiner eigenen Unzufriedenheit. Die Kirche muss sich nicht durch die Menschen reformieren, sondern die Menschen durch die Kirche.

Luther wähnte sich mit seiner eigenen Lehre nur im Gegensatz zu der seiner Zeit vorherrschenden theologischen Wissenschaft, nicht aber zur Lehre der alten Kirche selbst. Das wiederum zeugt von keiner wissenschaftlich tiefgründigen Denkungsart. Eine Trennung von der Kirche wird in seinen Vorlesungen 1516 noch ausgeschlossen, indem er gegen alle Häretiker Stellung nimmt. Als solche bezeichnet er Hochmütige, „die die Liebhaber ihres eigenen Sinnes sind und in den Irrtum geraten müssen, indem ihnen alles falsch erscheint, was Wahr ist; und als wahr erscheint, was Falsch ist“. Sie seien hartnäckig und unverbesserlich, und schämen sich, da sie überführt sind, ihren Irrtum zurückzunehmen und ihr Wort zu ändern. Er geht zu dieser Zeit noch weiter und sagt: „das Häretiker, so ungläubig sie sind und rebellisch, dass sie eher die ganze Schrift leugnen oder verfälschen und gegen so viele Generationen der Kirche streiten, als dass sie ihren Sinn unter den Gehorsam Christi stellen. Alles was sich mit dem Christentum durch so viele Jahrhunderte bewährt hat und wofür viele Märtyrer in Treue am Glauben den Tod erlitten, ziehen sie in Zweifel...“ Damit hat er eigentlich über sich selbst das Urteil gesprochen.

Luther bestätigte noch am 14. Okt. 1518 dem Kardinal Cajetan in Augsburg die Autorität des Papstes, verweigerte aber den geforderten Widerruf seiner Irrtümer. Er forderte eine Appellation an den Papst, aber schon im November des gleichen Jahres verlangte er ein allgemeines Konzil, dessen Autorität er später ebenfalls leugnet. Er erkannte am 3. März 1519 abermals das Primat der Kirche an, bezeichnet aber schon am 13. März 1519 den Papst als Antichristen oder dessen Apostel. Auf der Leipziger Disputation 1519 leugnete Luther die Zugehörigkeit des 2. Buches der Maccabäer zur Heiligen Schrift gehörig, das Alte Testament insgesamt, den Primat des Papstes und die unfehlbare Autorität der Konzilien. Er beteuerte aber ganz ausdrücklich, kein Schisma herbeiführen zu wollen. Mit Carlstadt entfernte er sich dann aber wieder vorzeitig von dieser Disputation und gab einer Übereinkunft wiederholt keine Chance. Denselben Carlstadt überhäufte er später, nach ihrem Streit über das Abendmahl, wie viele seiner Gefährten auch, mit Schmähungen.
In dieser Zeit war aber auch die nationale Opposition und die humanistische Bewegung auf die Seite Luthers getreten, welche sich später wieder von Martin Luther lossagte. Desgleichen distanzierte sich später der gesamte Geistesadel.

 

3.5. Erscheinungsformen des Protestantismus

Aus dem ängstlichen Mönch war inzwischen ein furchtbarer Demagoge geworden, der mit frevelnder Hand die Brandfackel des Aufruhrs gegen die Kirche, unter den Adel, die Fürsten und das Volk schleuderte und vor nichts mehr zurückschreckte. Der beginnende Religionsstreit war jetzt in einen Rechtsstreit umgewandelt worden. Aus dem kirchlich-allgemeinen Streit war im Laufe der Zeit immer mehr ein politisch- und rechtanmaßender Sturm der Reichsgewalt geworden, in seinen Erscheinungsformen von Verfolgung, Zerstörung und Mord; und darauf wurde der Antrieb des Protestantismus begründet. Am 31.12.1530 entstand der Schmalkaldische Bund.

Es soll aber nicht übersehen werden, welch gravierende Unterschiede noch in der Strafgesetzgebung des Mittelalters vorhanden waren, welcher schließlich auch Jan Hus noch anheim gefallen war und zu der gewaltsamen protestantischen Bekehrungs- und Strafjustiz im Gegensatz stand, welche dem Protestantismus zum nicht geringen Teil seine Ausbreitung verdankte; das heißt, das sich auch die bestehenden weltlichen und kirchlichen Institutionen nur sehr begrenzt in unverhältnismäßig bescheidenen kleinen Schritten einer Reform nach innen und außen unterziehen konnten und wollten. Das ist auch am Ergebnis des Reformkonzils von 1512 abzulesen, was zu beiweiten größeren Erwartungen Anlass gegeben hatte.

Die Lehre Luthers hat sich in dem Streit der Gegensätze dafür zum Kampf gestellt und für ihre Sache alle erdenklichen Mittel zu nutzen getrachtet. Die Veröffentlichung der 95 Thesen Martin Luthers zum Ablass am 31.10.1517 hatten anfangs absolut ihre Berechtigung. Erst danach kam es zur Aufweichung des Theologiebegriffes und eines theologischen Streites durch die Anfechtung der Glaubensregeln. Alle Einladungen zu den Konzilien der Jahre 1537 und 1546, die zur Meinungsbildung und Angleichung der Verschiedenheit hätten beitragen können, werden aber ungeöffnet zurückgegeben oder abgelehnt.

Als die Zeit überragender Männer der „Neuen Lehre“ des Protestantismus vorüber war, mussten ihre Nachfolger, da sie ein kirchliches Oberhaupt ablehnten, trotz großer Überlegenheit im Schmalkaldischen Krieg, wegen ihrer Zersplitterung und Uneinigkeit, unnötige militärische Niederlagen hinnehmen. Nach diesem unheilsvollen aller Kriege war die Auflösung des Reiches besiegelt worden, trotz aller äußeren Form, da noch ein Kaiser an der Spitze des Staates blieb.

Die sittliche Verwahrlosung, die Verarmung der Bevölkerung, sowie der rapide und stetige Rückgang der Wissenschaften im Deutschen Volk war unaufhaltsam. Nur Armut und Chaos herrschten noch in den niederen Schichten der deutschen Bevölkerung.

Nach Martin Luthers Tod (18. Febr. 1546) tritt der zunehmende Zerfall seiner Kirche durch die Uneinigkeit und innere Eifersucht, sowie dem zunehmenden Parteienwesen immer deutlicher zu Tage. Es ist die kläglichste Zeit der deutschen Geschichte, selbst noch miserabler als die Jahre nach dem Dreißigjährigen Krieg, da Macht und Ansehen des deutschen Reiches gänzlich verfallen war. Bekümmert und in unversöhnlichem Hass mit seinen persönlichen Gegnern starb auch Melanchthon (1560). Die Protestanten zerfielen 1561 in drei Gruppen verschiedener Bekenntnisse (Lutheraner, Reformierte und Calvinisten), sowie in unzählige Landeskirchen und noch viel mehr Sekten. Eine Einigung wurde nie erreicht. Mit dem Jahr 1552 waren alle Versuche einer Einigung endgültig gescheitert. Das Luthertum stellte sich strenger, herber und abgeschlossener dar denn je. Der Calvinismus hatte sich in allen wichtigen Fragen bereits abgesondert. Beiden christlichen Institutionen entgegengesetzt nahm der Katholizismus die moderne Struktur an, die ihm seinen Bestand sichern sollte. Die erkenntnis- und bekenntnisfähige Einigung des Luthertums von 1580, die schließlich die Unterschriften von 3 Kurfürsten, 20 Reichsfürsten, 24 Grafen und 35 Reichsstädten trug, führte ebenso wenig zu einer politischen Einigung, wie alle späteren Versuche in dieser Frage.

Die Dreispaltung des Protestantismus beeinflusste auch sehr stark die erfolgreiche Durchführung der Gegenreformation. Die war sehr positiv und erfolgreich durch den Jesuiten-Orden vorbereitet worden und mit der Erneuerung des Ordenslebens wurde sie auch als die wahre Reform verstanden. Durch die Ausbreitung der katholischen Partei schlossen die Protestanten 1607 ein militärisches Bündnis unter Führung der Kurpfalz. Maximilian I. v. Bayern organisierte die katholische Liga zum Schutz der katholischen Religion und des Reichsfriedens als Gegenmaßnahme.
In den folgenden Jahrzehnten bedurfte die Lutherische Kirche einer unbedingten Aufklärung in Folge der grassierenden pietistischen Leidenschaften, während das 19. und 20. Jahrhundert den Zustand der protestantischen Kirche in ihrer Zersplitterung und Zerrissenheit immer noch sehr deutlich widerspiegelt.

Bei Betrachtung der Problematik kommt man zu der Frage: Kann in einer wahren Kirche über Recht und Geltung des ganzen Fundaments der Kirche noch debattiert werden, wie es unter den Protestanten bis in die heutige Zeit hinein üblich ist, obwohl diese doch im Laufe der Zeit vielfach die Irrtümer der Reformatoren mehr oder minder eingesehen haben ?

Die protestantische Kirche leidet nach wie vor an drei Mängeln:

 

4. Folgeerscheinungen

Im Ergebnis der Heidelberger Disputation des Jahres 1518 zeigt sich deutlich ein Zerfall der Kirche. Kaiser Maximilian I. teilt Papst Leo X. seine Bedenken gegen die aufkommenden Privatmeinungen einiger kirchlicher Vertreter und deren Verbreitung mit. Die während der Disputation vorgetragene Privatmeinung des Augustinermönches Dr. Martin Luthers fand großen Anklang, besonders bei der unwürdigen Geistlichkeit, bei Fürsten und Volk, denen auf Grund ihrer Lebenseinstellung ein Streit und der Abfall von der Kirche sehr gelegen sein konnte.

Die geschichtliche Entwicklung und Ausdehnung des Protestantismus hat sich für viele Länder Europas und im besonderen für das deutsche Reichsgebiet verhängnisvoll ausgewirkt. Nach den Ereignissen des Bundschuhs (bis 1517), in denen damals schon anmaßende Forderungen des Bauernaufstandes zum Ausdruck kamen, beeinflusste Martin Luther das Weltgeschehen ganz erheblich. Bei seinem Auftritt 1521 in Worms wurde er als Verhandlungspartner dem Papst gegenüber als gleichberechtigte Partei behandelt. Luthers Ablehnung, sich, wie der Papst auch, einem Konzil zu unterwerfen, war ebenfalls von entscheidender geschichtlicher Bedeutung, denn schon hier wurde im wesentlichen der Partikularismus durch die Glaubensspaltung vollzogen. Luther blieb unnachgiebig und hat jede Verständigung mit der Reformpartei verschmäht. Er hätte die Führung der Reformpartei übernehmen können, was aber nicht in seinem Interesse lag, und die religiöse Zersplitterung in Deutschland wäre verhindert worden.

Danach trat das Wormser Edikt vom 18. April 1521 in Kraft. Am 19. April 1521, ein Tag nach der Verteidigung Luthers, verkündete der 21jährige König Karl V. in seiner Rede: „Ihr wisst, dass ich abstamme von den allerchristlichsten Kaisern und der edlen deutschen Nation.... Denn es ist sicher, dass ein einzelner Bruder irrt, wenn er gegen die Meinung der ganzen Christenheit steht, da sonst die ganze Christenheit tausend Jahre oder mehr geirrt haben müsste. Deshalb bin ich entschlossen, meine Königreiche und Herrschaften, Freunde, Leib und Blut, Leben und Seele einzusetzen...“

Luther wurde gebannt. Eine Reformation, wie er sie sich vorstellte, war nun nicht mehr möglich. Auch das Schuldbekenntnis des Papstes, verkündet auf dem Reichstag vor dem Kaiser und den Ständen des Reiches, das auf eine Veränderung und Reform der Kirche hinwirkte, hatte das Verhalten Luthers nicht mehr beeinflusst. Papst Hadrian VI. wünschte eine Reformation der Kirche und hatte im Sept. 1522 seinen Legaten auf den Nürnberger Reichstag gesandt, wo er die Welt aufhorchen lässt, nicht aber Luther, als er sein Schuldbekenntnis vor der Weltöffentlichkeit ablegte. Am 3. Jan. 1523 verlas der Päpstliche Nuntius Chieregato folgende Sätze: “Wir bekennen aufrichtig, dass Gott diese Verfolgung seiner Kirche geschehen lässt wegen der Sünden der Menschen und besonders der Priester und Prälaten. Und Wir wissen wohl, dass auch bei diesem Heiligen Stuhl schon seit manchem Jahr viel Verabscheuungswürdiges vorgekommen ist: viele Missbräuche in geistlichen Dingen, Übertretungen der Gebote, ja, dass alles sich zum Ärgeren verkehrt hat. So ist es nicht zu verwundern, dass die Krankheit sich vom Haupt auf die Glieder, von den Päpsten auf die Prälaten verpflanzt hat. Wir alle, Prälaten und Geistliche, sind vom Wege abgewichen...“ (Geschichte der katholischen Kirche v. Schrader, § 108, S.329 f)

Nirgendwo mehr, als hier, war zu erkennen, dass die Kirche Willens war, ihre eigenen und tiefgreifenden Reformen in Kurie und Klerus durchzuführen. Luther beeindruckte dieses öffentliche Bekenntnis und das Entgegenkommen des Papstes nicht, er nahm das Angebot nicht zur Kenntnis. Zudem traten andere radikale Schwarmgeister vermehrt in Erscheinung, wie die Hussiten und die Wiedertäufer. Sie erschlugen die Geistlichen, um sich selbst zu bereichern und deren Besitz einziehen zu können. Thomas Müntzer war wegen solcher Umtriebe aus Zwickau verwiesen worden. Er hatte sich daraufhin mit den Wittenbergern verbunden. Alle wissenschaftlichen Studien waren dort unterdessen eingestellt worden, da der Geist des Glaubens zur Auslegung der Bibel genügte. Die Verkündigung und Lesung der Heiligen Schrift wurde von dem einfachsten Bürgervolk vorgenommen. Nach dem unsäglichsten aller Kriege, dem Bürgerkrieg auf deutschem Boden (Bauernkrieg 1524/26) und den Beschlüssen von Speyer (22. April 1529), nahm jeder der jeweiligen Reichsstände in den religiösen Fragen jene Stellung ein, die ihnen am vorteilhaftesten erscheinen mochte. Jegliche Autorität war nicht nur gestürzt, nein, sie war auch nicht wieder ersetzt worden, doch sie war und ist sie für die moralische Entwicklung der menschlichen Gesellschaft in ihrer Gesamtheit eine Notwendigkeit, denn die einsetzende Verwilderung und Zuchtlosigkeit gaben bereits Anlass zu ernstem Bedenken. Keiner kümmerte sich in dieser Zeit um die Seelsorge, um die Armenpflege und einen ordentlichen Unterricht, da die Funktionen, welche die Priester und Orden erfüllt hatten, schlecht oder unbesetzt blieben. Das Kirchengut war dem Raub und der Plünderung preisgegeben. Luther glaubte diese Zustände später noch kontrollieren zu können, aber dazu ist es nie gekommen. Raumübergreifend nahmen sittlicher Verfall, Rohheit und Willkür überhand.

Am 22. April 1529 schließen die „Lutherischen“ untereinander (Kursachsen, Hessen, Ulm, Nürnberg und Straßburg) ein Bündnis. Landgraf Philipp v. Hessen wollte noch eine Einigung zwischen Lutheranern und Zwiglianern erreichen, um das protestantische Bündnis zu stärken. Eine Übereinkunft unter Gleichgesinnten war aber auch unter ihnen selbst nicht zustande gekommen. Auf dem Reichstag in Augsburg wurden am 25. Juni 1530 noch einmal Versuche unternommen, die Bekenntniseinheit der Kirche zu retten, die alle Beteiligten im gemeinsamen Credo der Konzilien von Nizäa und Konstantinopel als eine heilige, katholische und apostolische Kirche bekannten. Der Reichstag brachte aber ebenfalls keine Einigung der dort vertretenen Parteien. Papst Paul III. reagierte in seinen Reformbemühungen nach seiner Thronbesteigung (1534) damit, indem er nur Männer nach ihren Verdiensten zu Kardinälen berief und diese mit der Arbeit für einem Entwurf kirchlicher Reformen beauftragte, deren Anstrengungen von den Protestanten aber sogleich verspottet wurden. Wäre hier zu diesem Zeitpunkt nicht die Möglichkeit einer Aussöhnung vorhanden gewesen ? Eine weitere Gelegenheit bot sich während dem Regensburger Gespräch 1541. Kaiser Karl V. wünschte sich unter dem Druck des Türkenkrieges eine Verständigung und entsandte die katholischen Theologen Gropper und Julius Pflug. Auf protestantischer Seite erschienen Brucer und Melanchthon. Papst Paul III. entsandte den Reformer Gaspar Contarini. Die Verhandlung begann am 5. April 1541 mit der Einigung über die Erbsünde, die Erlösung und die Rechtfertigung, Artikel, die die Grundlage des gesamten christlichen Glaubens beinhalten und zu dem allergrößtem Optimismus Anlass gaben. Luther fand darin täuschende Formulierungen und riet dem Kurfürsten davon ab, auf dem Reichstag zu erscheinen und damit seine Zustimmung zu verweigern. Die Religionsgespräche mit Kaiser Karl V. wurden somit durch Luther und dem Kurfürsten v. Sachsen vereitelt. In Absprache mit ausländischen Mächten (Dänemark, Frankreich, England) bildete sich, aber erst nach der Gründung des Schmalkaldischen Bundes 1530, eine europäische Vereinigung gegen den Kaiser und den Katholizismus. Diejenigen, die diesen Bund ins Leben gerufen hatten, waren die deutschen Protestanten.
Damit war eine sehr bedrohliche Lage geschaffen worden. 1534 fällt Landgraf Philipp v. Hessen mit einem Heer von 24.ooo Mann in der Region um Württemberg ein, um das Land unter seine protestantische Herrschaft zu zwingen. Dänemark nahm ebenfalls den Protestantismus an, um sich als Staat zu profilieren. 1520 war alles Kirchengut säkularisiert. Während der Krönungsfeierlichkeiten von König Christian II. v. Dänemark nahm man 94 angesehene katholische Edelleute und Stockholmer Bürger gefangen und ließ sie, auf Grund der Bannbulle, mit 600 anderen Personen hinrichten. Nach Rückkehr von den Stockholmer „Blutigen Festlichkeiten“ nahm König Christian II. selbst den protestantischen Glauben an, wurde aber vom Adel gestürzt und verband sich wieder mit dem Papst. 1536 nahm König Christian III. v. Dänemark alle Bischöfe als Hochverräter gefangen, alle Klöster wurden aufgelöst und der Besitz an den Adel verteilt.
Die angefallenen Kriegskosten werden somit, wie in den Ländern überall, von den Einnahmen der kirchlichen Güter bestritten und der königstreue Adel damit beschenkt. Die katholische Welt finanzierte somit den Kampf gegen sich selbst aus ihren eigenen Mitteln.

Norwegen und Island nahm den protestantischen Glauben, wie andere Länder und viele deutsche Reichsteile ebenso, ausschließlich unter dem Druck der offenen Gewalt an. Das Königreich Schweden wurde 1527 unter König Gustav I. Wasa protestantisch, um die Mittel für den Aufstand und die Trennung von Dänemark bestreiten zu können. Da sich Schweden in völliger Anarchie befand, legte der König seine Hand auf die reichen Kirchengüter. Es waren ausschließlich weltlich-politische Gründe, die auch in diesen Ländern zum Wandel führten. König Gustav I. wurde, wie König Heinrich VIII. v. England, Oberhaupt einer Staatskirche. Die englische Krone bricht 1534 mit dem Papst, um die rechtmäßig geschlossene Ehe Königs Heinrich VIII. v. England lösen zu können und seine Wiederverheiratung zu ermöglichen. 1533 leistet der König v. England den Sukzessionseid auf die päpstliche Oberhoheit und 1535 den Suprematseid auf die geistliche Oberhoheit des Königs. Der König von England galt nun als das Oberhaupt der vom Papsttum abgefallenen Landesbischöfe und als Repräsentant der gesetzlich gewordenen Abtrünnigkeit.

Der Protestantismus wird in ganz Nordeuropa, Norddeutschland eingeschlossen, nur durch königlichen Willen und mit staatlicher Gewalt durchgesetzt. In Norwegen galt seit 1539 die Zwangsmitgliedschaft in der protestantischen Staatskirche. In Schottland, England, Irland, Dänemark und Schweden ging man gegen die Ausübung katholischer Religion und zur Bekämpfung derselben bis zur Anwendung der Todesstrafe, ebenso wie gegen sich bildende Sekten, vor. Der reformierte Sektenführer Sylvan wurde 1572 enthauptet. Die Inquisition der Calvinisten forderte in der Schweiz gegen Zwinglianer mit uneingeschränkter Gewalt immer wieder mehr Todesurteile und Verbannungen. Gleichzeitig wurde die Abtrennung des Landes vom deutschen Reichsgebiet angestrebt und allgemein gefordert. Gebietsabtretungen von deutschen Ländern werden fremden (ausländischen) Mächten für eine Unterstützung gegen den Kaiser und die katholische Partei 1552 in Aussicht gestellt. Frankreich sollte mit Metz, Verdun und Toul belohnt werden. Der protestantische Bund bricht im gegenseitigen Packt mit Frankreich 1552 daraufhin gemeinsam los. Der Augsburger-Religionsfriede vom 25. Sept. 1555 stellt nur noch einen Kompromiss dar. Er brachte zwar reichsrechtlich vorläufig Frieden, im Grunde aber wurde nur die deprimierende Erkenntnis besiegelt, dass die rechtgläubigen Versuche, die Einheit der Kirche zu retten, gänzlich gescheitert waren. Es zeigte sich auch recht deutlich, dass dieser Religionsfriede nur sehr wenig galt. - Wessen das Land, dessen der Glaube; - das war fortan die Parole und das geltendes Recht. Dieses Recht galt aber nur für die Landesherren, denen die alleinige Religionsfreiheit zustand. Vom Recht der Untertanen auf Gewissensfreiheit ist keine Rede, so wie auch Luther selbst keine andere Glaubens- und Gewissensfreiheit geduldet hat. Der Bürger hatte sich dem Bekenntnis des Landesherren anzuschließen. Widersetzlichen blieb nur die Wahl der Unterwerfung oder Auswanderung. Die protestantische Reformation war nie eine Bewegung der Gewissensfreiheit, sondern mit ihrer Bevormundung geradewegs das Gegenteil. Der Protestantismus hatte innerhalb von 40 Jahren aufgrund individueller und staatsbildender Interessen ein Gebiet von unermessliches Größe erobert, dass von Island bis zu den Pyrenäen, von Finnland bis an die italienischen Alpen reichte.

Seit 1556 ging König Philipp II. v. Spanien, wie vordem bereits die Protestanten, mit Feuer und Schwert gegen die Ausweitung der Ketzerei vor. Der Niederländische Krieg (1566-1648), die Teilung des Landes und spätere Selbständigkeit der Niederlande mit der vom Deutschen Reich nach sich ziehenden Teilung, resultierte aus der Verteidigung des Katholizismus. Mit den Niederlanden bildete sich im 17. Jahrhundert ein Bollwerk des Protestantismus im Norden Europas aus. Neben den Calvinisten, Lutheranern und Täufern gab es weitere Gruppen und Grüppchen, die das Land bevölkerten und ihre zahlenmäßig bescheidene Existenz neben der Öffentlichkeitskirche fristen konnten. Für Frankreich bestand ebenfalls die große Gefahr der Teilung seines Staatsgebietes. An der Spitze der calvinistischen Bewegung in Frankreich standen die Prinzen v. Bourbon. König und Volk blieben aber dem Katholizismus treu. Die vielfachen Aufstände der Hugenotten in Frankreich und ihre zahlreichen Versuche, sich der katholischen Führer zu bemächtigen, so der Anschlag auf König Karl IX. v. Frankreich von 1567 und die Anmaßung des Admirals Coligny, der selbst die Führung des Staates und der Religion zu übernehmen gedachte, führten am 24. Aug. 1572 zur Bartholomäusnacht mit ihren 35.ooo Opfern. Der Bürgerkrieg endete erst 1594 in Frankreich mit dem Übertritt König Heinrich IV. zum katholischen Glauben. Die Moral des Volkes und der Geistlichkeit besserte sich mit der Rückberufung der Jesuiten nach Frankreich ganz entscheidend. Die Einführung des Protestantismus in England erfolgte endgültig unter König Eduard VI. um 1550, mit der Aussicht, sich die Kirchengüter zu übereignen und gleichzeitig einen Machtwechsel vorbereiten zu können. In Schottland trat diese Entwicklung um 1560 ein. Auf der ganzen Insel wurde gebrannt und gemordet. Bis in die heutigen Tage hat sich dieser gefährliche Zustand, ganz besonders in Irland, noch immer erhalten. Auch das rechtswidrige Todesurteil der englischen Krone gegen die rechtmäßige und katholische Erbin Großbritanniens, Maria Stuart, war ein Konfessionsurteil, denn die englischen Parlamente konnten sich seit König Jakob I. (1603-1625) nur behaupten, indem sie den Katholizismus zum Staatsfeind der Nation erklärten.

Kaiser Ferdinand II. wurde im Glaubensstreit die böhmische Königskrone entzogen bzw. vorenthalten. Statt des rechtmäßigen Repräsentanten wählte die protestantische Partei Kurfürsten Friedrich V. von der Pfalz zum König von Böhmen, um ihre Allianz gegen den Kaiser zu verstärken. Das Land Böhmen war aber habsburgisches Erbland. Diese anmaßende Brüskierung des Kaisers wurde mit dem erfolgreichen Krieg gegen die Pfalz und die Acht gegen Kurfürsten Friedrich V. beantwortet. Die Protestanten verbanden sich wiederholt mit ausländischen Mächten (England, Dänemark und der Niederlande als Verbündete, sowie mit Frankreich). Da die Schwedenkrone nur mit der Hilfe des Protestantismus begründet worden war, griff Schweden ebenfalls in den Krieg ein, da für Schweden die Gefahr darin bestand, sonst polnischen Ansprüchen erliegen zu müssen. Das Bestreben von König Gustav I. v. Schweden fand seinen Ausdruck in der aktiven Unterstützung des Krieges, um die deutschen Ostseeländer als Schutzwehr für das Königreich zu erhalten. Er kämpfte um die kleinsten Gebietserweiterungen und um die Beherrschung der Ostsee als sein schwedisches Meer, auch deshalb durfte die protestantische Religion in Deutschland nicht unterliegen. Dieser schwedische König setzte nach der Schlacht bei Leipzig 1631 auch die Herzöge von Mecklenburg wieder in ihre Lehen ein. Wenn also der Protestantismus so zur Stärkung monarchischer Gewalt beitrug, unter deren Anleitung er auch durchgeführt worden war, so nahmen weltliche Stände am Gewinn Anteil, der aus der Niederlage und der Schmälerung der geistlichen Interessen entsprang und führte so zu deren Bereicherung.

Hatte die reformatorische Bewegung in den europäischen Staaten schon auf die äußeren Verhältnisse einen weitgehenden Einfluss ausgeübt, so waren die emmensen Einwirkungen auf die inneren Verhältnisse fast noch tiefgreifender. In allen Ländern protestantischer Konfession war die bischöfliche Gewalt auf die Fürsten übergegangen, die durch die Säkularisation einen recht beträchtlichen Zuwachs an Mitteln erhalten hatten, war doch dieser äußere Vorteil, wie z. B. in Schweden, direkt die Veranlassung zur Einführung der neuen Lehre geworden. Somit war die Reformation schließlich die bedeutendste Macht auf einem Wege zur Steigerung fürstlicher Gewalt, auch über die Kirche, dem neu aufgerichteten Absolutismus zum Durchbruch zu verhelfen bzw. zu festigen.

Im 17. Jahrhundert ist alle Missionstätigkeit zum Erliegen gekommen und so gut wie erloschen. Im 18. Jahrhundert konnte sich der schrumpfende Protestantismus nur durch die militärischen Erfolgen von König Friedrich II. v. Preußen im siebenjährigen Krieg (1756-1763) gegen das ankämpfende Europa halten und später gar noch festigen. Eine Niederlage der protestantischen Länder im Krieg dieser Jahre wäre der Ausrottung des evangelischen Glaubens gleichgekommen. Während dem Verlauf dieser Entwicklung aber war die Glaubenseinheit für die christlichen Völker zerrissen und auf lange Zeit verloren. Ihre Wirkung sollte besonders im deutschen Reichsgebiet auch nach einigen Jahrhunderten verhängnisvoll in ihren Auswüchsen zu spüren sein. Papst Leo XIII. (1878-1903) hatte in seiner Sozialenzyklika die Reformation des 16. Jahrhunderts für die todbringende Pest des Sozialismus verantwortlich gemacht. Zusammenhänge und Ähnlichkeiten sind unübersehbar.

 

4.1. Kirchenspaltungen

Eine Auswirkung des Luthertums, der größten Kirchenspaltung die der christliche Glaube kennt, war die von Zwingli und Kalvin ausgehende Reformation. Ihre Lehre unterschied sich in mancherlei Hinsicht von der Lehre Luthers. Beide Bewegungen hatten ihren Ursprung in der Schweiz. Die Voraussetzungen zur Annahme und zur Verbreitung der neuen Lehre waren den deutschen Verhältnissen sehr ähnlich. Nach Frankreich gelangte der neue Glaube aus seinem Ursprungsland Deutschland und von der Schweiz her, hier namentlich von Genf aus. Der französische Protestantismus nahm auf diese Weise die Form des Kalvinismus an. Die französischen Könige waren aber der neuen Lehre abgeneigt und gingen mit Ausweisungen gegen ihre Anhänger vor.

In England wurde der Abfall von der katholischen Kirche vorzugsweise durch die schmachvolle Tat der sinnlichen Leidenschaft seines Königs Heinrich VIII. verursacht. Anfangs seiner Herrschaft noch ein Bollwerk gegen die neue Lehre und ein Verteidiger des Katholizismus, hat sich der König v. England später die neue Lehre zur Erlangung seiner persönlichen Interessen zunutze gemacht. So wie sich in den deutschen Landen alle protestantischen Fürsten als das Haupt ihrer Kirche in ihren jeweiligen Gebieten betrachteten, so wurde König Heinrich VIII. durch Parlamentsbeschluss zum alleinigen Oberhaupt der englischen Kirche erklärt.
So war neben den lutherischen und kalvinistischen Religionsgemeinschaften eine englische Staatskirche entstanden. In Schottland unterdrückte König Jakob V. alle neuen Bestrebungen. In den nordischen Staaten (Dänemark, Schweden, Norwegen) entschied, wie in fast allen anderen Ländern, der Wille der Fürsten das Schicksal der Untertanen und die Unterdrückung des alten Glaubens, namentlich aus Gier nach den kirchlichen Besitzungen.

Durch die Reformation der Protestanten war ein gewaltiger Riss quer durch die ganze europäische Staatenwelt zu verzeichnen gewesen, der die Gemeinsamkeit all ihrer Interessen zerstörte und sie in zwei feindliche Lager spaltete. Alle romanischen und slawischen Völker waren, soweit sie nicht der orthodoxen Kirche angehörten, dem alten Glauben treu geblieben; denn Italien, Spanien, Bayern und die Schwaben blieben damals katholisch. In den germanischen Völkern hatten sich Kirchengemeinschaften begründet (Schweden, Norwegen, Dänemark und England waren abgefallen), die alle völlig neue Wege beschritten. Diese Entwicklung hatte sich nicht etwa einfach und glatt vollzogen. Es kam in allen Ländern zu heftigsten Kämpfen oder auch zu langjährigen Bürgerkriegen, wie in England und Frankreich. Die Niederlande, als Staatswesens, war in zwei Teile gespalten worden. Nirgends aber war der religiöse Kampf so heftig, blutig und verderblich gewesen, als in dem Ursprungsland der Reformation Deutschland. Und gerade durch und mit Martin Luther war im Deutschen Reich keine Einigung mehr zu erzielen gewesen. Dadurch wurde der innere Konflikt der Konfessionen auch zu seinem andauernden Gegensatz.

In den klassisch romanischen Ländern, wie Italien und Spanien, konnte die Reform des Protestantismus überraschend wenig Resonanz finden. Das ganze Gegenteil davon war hier der Fall, denn von hier aus nahmen die Gegenreformation und die katholischen Reformen ihren Ausgang. Klerus und Volk bekannten sich zur katholischen Kirche. Im Gegensatz dieser Zeit, da in deutschen Ländern der Papst allgemein nur Widerstand und Abfall erfuhr, da vereinigte sich in den katholischen Ländern die Gesellschaft freiwillig und voller Eifer unter der Mission von Ignatz v. Loyola, um sich ausschließlich dem Dienst des jeweiligen Papstes zu widmen. Im Norden Europas griff dagegen die Ideen Luthers schon sehr früh um sich. In Osteuropa wurde der Protestantismus überall dort angenommen, wo es deutsche Bevölkerungsanteile gab. Hier muss festgestellt werden, dass der lutherische Protestantismus im deutschen Volk seinen geeignetsten Nährboden gefunden hatte, und wie es scheint, bis in die Gegenwart beibehalten hat.

 

4.2. Irrungen des Protestantismus

In der Mitte des 16. Jahrhunderts hatte sich der Teufels- und Hexenglaube, welcher von dem „Reformer“ Martin Luther erst entscheidend begründet und befestigt worden war, dermaßen ausgebreitet, dass dieser Wahn erst mit dem Ende des Religionskrieges seinen Niedergang erfuhr. Nirgends war das Zauber- und Hexenwesen mit all seinen Hexenprozessen und Verbrennungen häufiger anzutreffen, als im Lande Luthers und „seiner Reformation.“ Mehr als in Spanien die Ketzer durch die Inquisition den Tod erleiden mussten, wurden nachweislich in Deutschland Hexen und Zauberer verbrannt. Die Statistik rechnet mit 1oo.ooo unglücklichen Opfern. Einziges Beweismittel der Befragung war die Folter. Auch der Kirchenbann wurde in dieser Zeit wieder verstärkt eingeführt.

Folgenschwer war auch die Haltung Luthers zum Bauernkrieg mit seinem Aufruf von 1525 („Wider die räuberischen und mörderischen Bauern“), wie der Überzeugung, dass ohne die obrigkeitliche Ordnung, dokumentiert in seiner Schrift („Von weltlicher Obrigkeit...“ 1523), die Freiheit des Evangeliums nicht möglich sei, untersetzt mit der Zweireichenlehre: der Christ hat als Mitglied des weltlichen Reiches Gesetz und Gewalt anzuerkennen und als Mitglied des geistlichen Reiches auf Gewalt und Recht völlig zu verzichten. Daraus ergab sich letztlich die Überantwortung der Kirchenordnung an den Staat und begründete das nunmehr aufkommende landesherrliche Kirchenregiment als Ausdruck und Grundlage des Protestantismus.

 

4.2.1. Kriege als Ursachen des Protestantismus

Der Glaubensstreit, dessen Anstifter der Augustinermönch Martin Luther war, löste den Bauernkrieg aus. Im Jahr 1524 brach der Aufstand los. Auf der Grundlage der Idee der evangelischen Freiheit war es nun möglich, dass die Bauern zum Krieg aufgerufen werden konnten und im Namen der christlichen Freiheit und besonders in Verbindung mit den kommunistischen Tendenzen des Thomas Müntzers, sich auch missbrauchen ließen. Dieser für das Deutsche Volk so verhängnisvolle Krieg wälzte er sich raubend, brennend und mordend durch das Land, denn „es sollte nach Vorstellung Luthers viel Raum für Gottes Wort geschaffen werden.“ Im Verlauf des Krieges wurden Tausende Menschen hingemordet; mehr als 1ooo Klöster und Schlösser überfallen und zerstört, Hunderte Höfe und ganze Dörfer wurden in Asche gelegt. Die Felder blieben unbebaut, fahrende Habschaften wurden beraubt oder vernichtet, das Vieh geschlachtet oder nur weggeführt. Die Rebellion der Bauernschaft mit den unkontrollierten und willkürlichen Gräueltaten, sowie der sich daran anschließenden, gewaltsamen und rücksichtslosen Unterdrückung derselben durch die Fürsten und Herren im Lande, forderte in allen Schichten des Volkes mehr als 1oo.ooo Erschlagene. Blühende deutsche Länder wurden in Einöden verwandelt. In Thüringen wurden durch Thomas Müntzer die schwersten Verwüstungen verursacht. Ein Sieg der Bauern wäre aber der Untergang aller Kultur in Deutschland gewesen. Nach der Plünderung und Verwüstung des Landes Thüringens forderte Luther das sofortige Eingreifen aller Fürsten und Herren zur unbarmherzigsten Vertilgung der Empörer durch seine so bekannte Schrift: „Wider die räuberischen Bauern und den mörderischen Pöbel; steche, schlage, würge wer da kann.“ Damit hatte Luther nun abermals in die Entwicklung der herrschenden Wirren eingegriffen, indem er die Fürsten und Herren aufrief, mitzuhelfen, das Wüten des gemeinen Mannes zu unterbinden.

Im Kampf um die Herrschaft unter dem Deckmantel des christlichen Glaubens war das frische, fröhliche Leben auf allen Gebieten geistiger Tätigkeit im Deutschen Reich, das der Geschichte der Renaissance einen so eigenartigen Reiz verliehen hatte und dem Land tatsächlich einen Ersatz für die politische Ohnmacht gegeben hatte, erloschen und längst vernichtet. Von der Reformation und Gegenreformation, die jede Selbständigkeit zertraten, auf welchem Gebiet es auch sein mochte und zu der schlimmsten politischen Knechtschaft, eine noch viel schlimmere, die der geistigen Knechtschaft hinzufügte, waren keine positiven Signale mehr zu erwarten. Man darf dabei nicht vergessen, dass erst die Reformation es gewesen ist, die diese Richtung in den Kirchen zur Herrschaft brachte. Jeder Kampf, sei er auf politischem oder geistigen Gebiet geführt, stellt seine extremsten Richtungen in den Vordergrund und bringt sie erst damit zur Herrschaft. Die katholische Kirche konnte nachsichtig sein und geistige Freiheit gewähren, solange ihr Ansehen fest begründet war. Seit sie in die Verteidigungsstellung gedrängt war und sich gegen die Widersacher enger zusammengeschlossen hatte, musste auch sie sich strenger und demzufolge rücksichtsloser verhalten, wenn sie sich nicht aufgeben wollte. Diese Entwicklung war bedauerlich im Interesse der Menschheit. Sie ist aber nicht nur aus den Verhältnissen zu erklären, sondern geradezu dadurch bedingt. Jeder musste sich dieser Notwendigkeit unterwerfen, so hart es manchen auch angekommen sein mag. Diese Zeit war nur noch mit Kriegslärm und unsäglich großem Leid erfüllt. Dass der Hexenwahn in diesen Jahrzehnten seine grauenvollen Triumphe feierte, lässt das Bild noch düsterer erscheinen.

1526 schloss Papst Klemens VII. mit dem König v. Frankreich und dem Dogen von Venedig die „Liga von Cognac“ gegen Kaiser Karl V., da der Reichstag zu Speyer die Durchführung des Wormser Edikts behinderte. Intrigen der Kurie mit dem König von Frankreich und dem Römischen Kaiser führten 1527 zum Krieg und dem verhängnisvollen Ausgang des „Sacco di Roma“, als Rom 1528 mit schonungsloser Plünderung und den grauenvollen Morden durch die protestantischen Landsknechte heimgesucht wurde. Der Papst konnte sich noch rechtzeitig in die Engelsburg retten, von wo aus ihm die Flucht nach Bracciano und anschließend nach Orvieto gelang. Nach einem am 29. Juni 1528 erzielten Friedensschluss mit Kaiser Karl V. in Barcelona, konnte der Papst am 6. Okt. 1528 seinen Einzug in Rom halten. Noch im Oktober wurde der Kaiser aufgefordert, sich der Religion wider den Protestantismus anzunehmen.

Landgraf Philipp von Hessen, der Initiator des Schmalkaldischen Krieges, setzte mit seinen militärischen Mitteln und mit der Unterstützung König Franz I. v. Frankreich, Herzog Ulrich I. v. Württemberg, wider die österreichische Monarchie mit der Maßgabe der Reformierung des ganzen Landes und dem Einzug der geistlichen Güter, in seine vergangenen Rechte ein. Alle Kammergerichte wurden sofort angewiesen, jede Klage über eingezogene geistliche Güter von vornherein abzulehnen. Der „Reformierung“ des Landes Württembergs folgten die deutschen Provinzen: Dänemark, Pommern und der Mark Brandenburg, sowie Teile von Sachsen und Braunschweig. Binnen weniger Jahre breitete sich die Reformation über das gesamte Deutsche Reich aus und konnte sich in den nördlichen Landesteilen auch dauerhaft festsetzen.

Den Schmalkaldischen Krieg (1546-1547), die schlimmste Erscheinung innerhalb der protestantischer Bewegung und von Kaiser Karl V. letztendlich zerschlagen, hat Luther nicht mehr erlebt. Während dieses Krieges fällt Herzog Moritz v. Sachsen, da ihm der Kaiser den Kurfürstentitel anbietet, vom lutherischen Bund ab und wendet sich dem kaiserlichen Lager zu. Diese Haltung macht die Gleichgültigkeit der Fürsten in den religiösen Angelegenheiten des Staates deutlich. Nach dem entscheidenden Sieg des katholischen Kaisers über die Protestanten (ihre Führer, der Kurfürst Johann Friedrich v. Sachsen und Landgraf Philipp v. Hessen waren in Gefangenschaft geraten) wollte Karl V. seine universale Kaiseridee verwirklichen, geriet darüber aber in einen Zwiespalt mit dem Papst. Diese Entwicklung begünstigte die Protestanten wiederum zu ihrer Rettung aus höchster Not.

In Prag warfen die Protestanten drei katholische Mitglieder des Stadtrates aus dem Fenster, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Dieser Fenstersturz (23. Mai 1618) war der Beginn des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648), der größten deutschen Katastrophe und das grausamste Ergebnis der Lehre Luthers in seinen schlimmsten Auswirkungen. Während des Dreißigjährigen Krieges, der ja als Glaubenskrieg geführt wurde, trat immer unverhüllter die Tatsache hervor, dass nur eine Eroberung deutscher Grenzländer das Ziel der „hilfreichen fremden Mächte“ (Schweden, Frankreich) war. Nach anfänglichen Erfolgen Kaiser Ferdinand II. wurde der schwedische König Gustav II. Adolf zum Rettungsanker für die protestantische Bewegung. Siegreich im Deutschen Deutschland vordringend, fiel er 1632 bei Lützen. Aber auch die deutschen Fürsten trachteten im Schein der Glaubenszugehörigkeit, des Glaubenswechsels oder einer versuchten Neutralität, Gebiete durch überwundene Fürsten zu gewinnen (Sachsen gewann die Lausitz und reiche Magdeburger Ämter; Bernhard v. Weimar trachtete nach einem eigenen Fürstentum).

Die konfessionellen Verhältnisse im Deutschen Reich und den beteiligten Staaten des Dreißigjährigen Krieges wurden nach dem Grundsatz „Cuius regio, eius religio“ (wessen Land, dessen Bekenntnis) auf lange zeit festgeschrieben. Dieser Trend, der sich politisch und religiös stabilisierend auswirkenden Festschreibungen, prägte mentale Entwicklungen. Ausdruck dafür war, dass nach der Unterzeichnung des „Westfälischen Friedens“ in Münster am 24. Okt. 1648 im protestantischen Osnabrück auf der offenen Straße und zum Klang der Posaunen der Choral „Nun preis mein Seel den Herren“ gesungen wurde. Der Krieg war zwar beendet, aber sieben Millionen Tote waren zu beweinen, geopfert als Folge Luthers streitbaren Handelns.

Mit dem Eintritt Frankreichs in den Krieg 1635 wurde allen klar, dass es nun den Charakter des Krieges völlig verändern musste. Der Kampf der Nationen, der nur um religiöser Streitigkeiten willen in den kaiserlichen Erblanden ausgebrochen war, um als Schlag der Gegenreformation zu wirken, wurde zum Kampf um politische Interessen des Auslands. Vormachtstellungen in Europa wurden zwischen dem Haus Habsburg und den Haus Bourbon ausgefochten; keinesfalls aber um die Interessen des deutschen Protestantismus zu schützen. Eigentliche Gewinner des Krieges war das katholische Frankreich, das lutherische Schweden und die kalvinistischen Generalstaaten. Das beweist den absolut politischen Charakter des Krieges.

Für Deutschland konnten die Folgen nur enttäuschend, erniedrigend und traurig sein. Die Verwüstungen, die der Dreißigjährige Krieg in Deutschland anrichtete, warfen das ganze Land in seiner Entwicklung so weit zurück, dass es nach dem Urteil berufener Historiker Jahrhunderte gedauert hat, bis sie ganz überwunden waren. Sieben Millionen Menschen mussten im Dreißigjährigen Krieg ihr Leben lassen. Auf den Ländereien des heutigen Deutschlands war die Zivilbevölkerung von 16 auf 12 Millionen Menschen reduziert worden. Auch auf geistigem Gebiet zeigten die vergangenen Jahrzehnte des Krieges im deutschem Raum eine allgemeine Verödung und einen bleibenden Schaden, den die internationale Anerkennung der „Verewigung“ des konfessionellen Gegensatzes für das deutsche Volk bedeutete. Die Zielstellung der protestantisch Agierenden lag in der Vertreibung des katholischen Hauses von Habsburg, der Hausmacht Österreichs. Mit dieser Politik konnte sich Kurfürst Friedrich Wilhelm der Große so stark profilieren und den ausländischen Mächten das Übergewicht verschaffen, welches es ihnen in die Hand gab, den für das Deutsche Reich so schmachvollen Westfälischen Frieden zu schließen. Deutschland musste Gebietsverluste von ungeahntem Ausmaß hinnehmen. Die Schweiz und Holland wurden vom Deutschen Reich getrennt und wurden selbst unabhängige Staaten; Elsass fiel an Frankreich; Pommern mit den Inseln Rügen und Poel (einschließlich 5 Millionen Taler) mussten an Schweden abgetreten werden. Deutsche Fürstentümer wurden mit den eingezogenen Kirchengütern abgefunden. Das Ergebnis des Dreißigjährigen Krieges war die völlige Auflösung des deutschen Reiches und sein Verfall in viele kleine souveräne Einzelstaaten. Die Begriffe von Vaterland und christlichem Glauben waren nur Parolen gewesen. Durch 12 Mill. Tote war die Bevölkerung fast ausgerottet, das Land verwüstet; der Handel so schwer geschädigt, dass er sich so schnell nicht wieder erholen sollte. Noch schlimmer als die materiellen Verluste waren die sittlichen und geistigen Schäden, die bis in spätere Jahrhunderte hineinreichten. Die Hugenottenkriege, die in Frankreich über 30 Jahre lang in tobten, forderten ebenfalls über 1oo.ooo Tote.

 

4.2.2. Raub, Brand, Mord und Gesetzesbruch

Bei der Erstürmung des Vatikans in Roms am 6. Mai 1527 (historischer Eingang in die Geschichte als Sakrileg „Sacco di Roma“) durch kaiserlichen Truppen, allen voran die deutsch-lutherischen und spanischen Söldner, waren 6-8 Tausend Tote zu beklagen. Durch den Raub an Kulturgütern entstand ein Schaden von 15-20 Mill. Dukaten. Die Vernichtung der vielen Kunst- und Altertümern ist unschätzbar. Die Kardinäle wurden misshandelt, der Papst musste vierzigtausend Goldkronen Lösegeld zahlen. Kaiser Karl V. hatte den Heiligen Vater unter dem Vorwand, Veränderungen erreichen zu wollen, zwar gefangen gesetzt, aber keine Reformbestrebungen erkennen lassen. Statt dessen ward Luther zum Papst ausgerufen. Die Verwüstungen dieser Zeit, die die Protestanten anrichteten, waren schlimmer als die der Vandalen.

1527 rückte auch Landgraf Philipp v. Hessen mit 18.ooo Mann im das Gebiet der Bischöfe von Würzburg und Bamberg ein. Die Bischöfe zahlten 66.ooo Gulden und vermieden dadurch ein Gemetzel unter den Gläubigen.

Die Überwindung der Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieg dauerte Jahrzehnte, bis sich die betroffenen Regionen erholt hatten. Seinen Schrecken aber hatte der von Hunger und Seuchen fortwährend begleitende Krieg, der zur Erlangung der absoluten, politischen und konfessionellen Vorherrschaft, sowie der Aufteilung von weltlichem und kirchlichem Besitz führen sollte, durch den Einsatz von Söldnerheeren, behalten. Waren Gebiete von militärischen Einheiten ausgepresst, so zogen die kämpfenden Truppen mit wahrhaft „verheerenden“ Folgen in die angrenzenden Regionen weiter. Die schlimmsten Verluste waren in den Gebieten von Brandenburg, Bayern, Hessen, Thüringen, Württemberg und Elsass zu beklagen.

1540 kommt es zum Eklat mit Landgraf Philipp v. Hessen. Obwohl die Bigamie in den damaligen Zeiten zu den schwersten Verbrechen zählte, gaben Martin Luther und auch Melanchthon die theologischen Gutachten mit ihrem „Segen“ zur Doppelehe ihres eifrigsten Förderers im Kampf gegen das Papsttum und im Besonderen gegen Bischöfe der deutschen katholischen Kirche. Gesetzesbrüche von weltlichen Herschern werden hingenommen, gutgeheißen und sanktioniert, um Einfluss, Vorteil und Unterstützung des Protestantismus auf diese Weise nicht zu verlieren.

 

5. Unionsbestrebungen

Durch seine ständigen Erweiterungen und der Ausdehnung in den grundlegendsten Glaubensfragen gab Luther in seiner Gegensätzlichkeit zu erkennen, dass eine Einigung gar nicht gewollt war. Das belegt auch seine Flucht vom Augsburger Reichstag 1518, ebenso wie die Äußerung im Streitgespräch mit Johann Eck 1519 in Leipzig, als Luther das Primat des Papstes und die Entscheidungen der Konzilien leugnet. Das Primat, als Inhaber der obersten Kirchengewalt, ist in der Verkündigung Jesu Christi von Cäsarea Philippi, begründet (Joh. 1, 42; Matth. 16, 18-19; Eph. 2. 20). Die Leipziger Disputation hatte sich zum Wendepunkt im Miteinander und zur absoluten Spaltung der Kirche während der Reformation entwickelte. Auf dem Reichstag in Worms 1521 wurde dem Kaiser ein Vergleich vorgelegt, der von allen anwesenden Prälaten und Würdenträger (von Kirche und Staat) getragen worden war, ihre Dogmatik und kirchliche Reform aber von Luther verleumdet wurde. Bei einer voller Anerkennung der bestehenden Dogmatik, wäre eine Reform der Kirche und eine Einigung durchaus noch möglich gewesen.

Im Jahr 1541 war Melanchthon auf einer Zusammenkunft der katholischen und der protestantischen Vertreter in Regensburg als Verhandlungsführer für Einigungsfragen aufgetreten. Luther stand in dieser Zeit unter Kirchenbann und Reichsacht und konnte somit an den Gesprächen nicht teilnehmen. In einer Reihe von Fragen war man sich so nahe wie nie zuvor und auch später nicht mehr gekommen, wobei der Kölner Kardinal Johannes Gropper und Melanchthon ein ausgleichendes Element gebildet hatten. Diese erreichte Vermittlungstheologie scheiterte wiederum nur an Luther, der die mögliche Vereinbarung als „elend Flickwerk“ bezeichnete. Weitere Unionsbestrebungen gab es auch noch in späterer Zeit, so als 1645 zu Thorn der polnische König mit Preußen und Brandenburg eine Einigung anstrebte. Neue Unionsbemühungen gab es auch noch im 18. Jahrhundert, die aber stets von Seiten der Protestanten brüskiert wurden, obwohl im 16. Jahrhundert eine großartige Regeneration und Restauration des Katholizismus, im Besonderen innerhalb der Römischen Kurie, eingeleitet worden war. Dieses Gebaren der protestantischen Verhandlungspartner ist bezeichnend für alle Annäherungsphasen; und wenn man sich den heutigen Zustand der protestantische Kirche betrachtet, auch nicht verwunderlich, da die Protestanten nicht einmal untereinander in der Lage und Willens sind, Ökumene zu praktizieren.

 

6. Schlussfolgerung

Der Augustinergeneral Ägidius von Viterbo sagte 1512 in seiner Eröffnungspredigt auf dem 5. Laterankonzil in Rom, noch bevor Luther mit seinem Zerstörungswerk in Kirche und Volk, begonnen hatte: „Menschen müssten durch das Heilige umgestaltet werden, nicht aber das Heilige durch die Menschen“ und hat mit diesen Worten den klaren Weg einer wahren Reformation vorgezeichnet.

Wenn man sich aber die Zeit der Religionskriege betrachtet, die eigentlich die ganze Zeit der Reformation ausfüllten, und sich die grauenvollen, blutigen und verlustreichen Ereignisse ins Bewusstsein zurück ruft, kommt man unweigerlich zu der Einsicht, dass all die konfessionellen Unterschiede gar nicht die Opfer an Blut und Gut wert waren, die sie gefordert haben. Es ist für die Menschen, den Einzelnen, wie für die Gesamtheit der Gesellschaft, in allen Dingen nicht leicht Maß zu halten. In dieser Beziehung ging aber im besonderen Martin Luther weit über das Maß aller Dinge hinaus.

Von der einsetzenden religiösen Gleichgültigkeit unter der christlichen Bevölkerung in Deutschland zeugen die vielen Übertritte. Der weit um sich greifende Unglaube und die offene Feindschaft gegen die Religion, mit all seinen frevelhaften Auswüchsen von Spott und Hohn über alles Heilige, musste am Ende eine furchtbare Entsittlichung unter der Bevölkerung zur Folge haben. Es bedurfte schwerer und blutiger Erfahrungen, bis diese Erscheinungen in der menschlichen Gesellschaft überwunden werden konnten. Solche Lehren, wie sie von Rousseau verkündet wurden, indem er den schrankenlosen Individualismus mit monarchischem Absolutismus bekämpfte, schufen den souveränen Pöbel und führte ihn letztendlich zur Revolution. So gediehen in Europa die Früchte dieser unseligen Entwicklung. Im katholischen und papsttreuen Italien wusste sich das neue religiöse Bewusstsein unter der Bevölkerung noch am ehesten in den Formen der alten Kirche zu organisieren. Das mag bezeichnend sein für einen Zustand, den man mit der Formel von noch intakten kirchlichen Strukturen erklären kann. In Italien entstand nämlich mit der Welle des religiösen Aufbruchs, nicht eine Vielzahl von abweichenden Bewegungen, sondern eine ganze Reihe neuer, sozialausgerichteter, religiöser Orden, so viele, wie sie die christliche Kirche seit dem Avignonesischen Exil nicht mehr hervor gebracht hatte. 1524 wurde der Theatinerorden zur Heranbildung des neuen Typus von Weltpriestern gegründet. Zur selben Zeit formierte sich in Venedig ein religiöser Bund zur Hege von Armen- und Waisenhäusern; daraus hervorgegangen waren die Somasker im Jahr 1531, währen sich in Mailand die Barnabiten zur Volksseelsorge eingefunden hatten. Auf die Gründung des Ursulinenordens 1535 in Brescia, der Frauenvereinigung für die Erziehung, den Jugendunterricht und die Krankenpflege, geht die Datierung der gesamten neuzeitlichen Mädchenerziehung zurück. Der kirchliche Eifer dieser Region trägt andere Vorzeichen, als jene, welche der Protestantismus mit seiner „Reformation“ nördlich der Alpen entwickelte. Auch in Spanien wurde der alte Glaube neu belebt, wie es der Lebensweg einer Theresa von Avila in Biographie und Legende belegt und im Besondern auch durch die Gründung des Jesuitenordens durch Ignatius von Loyola unter Beweis gestellt wurde.

Die Art und Weise, wie die Person Martin Luther in allen protestantischen Aufrufen, Reden und Schriften als „der große Deutsche“ und als der „größte und edelste Mann seiner Zeit“ in „Würdigung seiner Taten“ im Zusammenhang mit den wiederkehrenden Lutherfeiern dargestellt wurde und in der heutigen Zeit noch gewürdigt wird, ist zur stehenden Phrase geworden. Auch an der damaligen Zeit gemessen ist es unwürdig, einen solchen Menschen, der im Wirken mit seinen „Neuen Lehren“ so unermessliches Leid über die Menschheit gebracht hat, dermaßen hervorzuheben. „Der Protestantismus hat Deutschland und viele andere Länder in Europa in den Abgrund wissenschaftlicher, religiöser, politischer und sozialer Zerklüftung geführt. Die Glaubensspaltung ist und bleibt für jedes Land ein nationales Unglück. Dieser Zustand kann nur dadurch behoben werden, dass sich die Wunden der Reformation wieder schließen.“ (Leibnitz)

Wie groß und ideal müssen uns im Vergleich zur Person Martin Luthers jene Heroen einer christlicher Tugend und Frömmigkeit erscheinen, wie sie die Kirche dieser Zeit so zahlreich hervorgebracht hat. Zum Vergleich dieser Zeit: der Spanier Ignatius von Loyola (1491-1556), der auf dem Krankenbett zu seinem Bekehrungserlebnis kommt. Er entsagt dem ritterlichen Leben, nahm das Gewand der Eremiten und lebte abstinent. Während seines Theologiestudiums legt er 1534 in Paris die ersten Gelübde ab. Er wurde Vorsteher des von ihm neugegründeten Ordens und 1909 von Papst Paul V. selig- und 1622 durch Papst Gregor XV. heilig gesprochen.
Als Berater und Beichtväter an vielen Fürstenhöfen, als Lehrer an Universitäten und an Schulen haben die Jesuiten als die Träger einer neuen religiösen Kultur das katholische Glaubensgut und die Treue zu Rom, hingebungsvoll vermittelt. Die Jesuiten waren die wichtigste Kraft der Gegenreformation.

Dafür steht auch der Name Petrus Canisius (1521-1597), der unermüdlich in Wort und Schrift eine der hervorragendsten Persönlichkeiten der katholischen Erneuerung im 16. Jahrhundert war. Für sein Wirken wurde er zum Kirchenlehrer erhoben und 1925 von Papst Pius XI. heilig gesprochen. Ferner sind zu nennen solche katholischen Vorbilder wie Petrus v. Alcantara ( 1562), Papst Pius V. ( 1572), Johannes v. Kreuz ( 1591), Franz v. Sales ( 1622), der Kölner Kardinal Johannes Gropper ( 1559) und viele andere. Unter denen die auch Lob und Anerkennung bei den neueren protestantischen Geschichtsforschern gefunden haben befinden sich auch viele Bischöfe und Erzbischöfe der damaligen Zeitepoche, wie der letzte katholische Bischof von Schwerin, Petrus Walkow (1508-1516), der zwar ein Mann von geringer Herkunft war, sich aber durch Frömmigkeit, Gelehrsamkeit und seine diplomatischen Fähigkeiten auszeichnete.

Die katholische Kirche in ihrer ganzen imposanten Einheit und Größe mit dem Protestantismus in seiner äußeren und inneren Zerrissenheit miteinander vergleichend, äußerte v. Hartmann, ein protestantischer Philosoph: „Wenn es doch einmal die Kirche sein soll, die mich, gleichviel wie, zum Heile führt, dann werde ich mich an eine aber feststehende Großmachtkirche halten und mich lieber an den Felsen Petri klammern, als an eine der protestantischen Sektenkirchen.“

Schon zur Apostelzeit haben die verschiedensten Männer versucht, bald von diesem, bald von jenem Punkte des gemeinsamen Glaubens abzuweichen und eigene Theorien entwickelt, wie und a. Hymenäus, Philetus, Simon Magnus, Cerinth und viele andere. Sie wurden alle von den Aposteln verdammt, sie, die vom Glauben abgefallen waren. Denn, so verkündet es die Heilige Schrift: „Wer vom Glauben abweiche, der habe am Glauben Schiffbruch erlitten“ (1. Tim. 1,19.). „Selbst wenn wir (die Apostel) oder ein Engel vom Himmel herab anderes lehrt,“ als es uns die Heilige Schrift verkündet und die Apostel es überliefert haben, „der sei verflucht“ (Gal. 1, 8-10) und soll aus der Gemeinschaft der Kirche ausgeschlossen sein. Wie sollte der gelübdebrechende Mönch Dr. Martin Luther darin eine Ausnahme sein? Wer in einer einzigen Glaubenslehre anderes lehrt als die Apostel, dem ist überhaupt nichts zu glauben. Wer abfällt von der Erkenntnis, der sollte den Weg der Gerechtigkeit besser nicht erst erkannt haben (2. Petrus 2, 19.22). Die irrige Annahme im Protestantismus: „Jeder könne nach seiner Fasson selig werden, ist aber grundsätzlich unvereinbar mit der von Christus begründeten einen Kirche und der von ihm begründeten Lehrautorität (Eph. 4, 4-6 und 13-14).

Friedrich II. v. Preußen schrieb an Voltaire: „Da keiner der europäischen Fürsten einen Statthalter Christi anerkennen wird, der einem anderen Souverän unterworfen ist, so wird sich jeder einen eigenen Patriarchen halten. Und so wird man sich nach und nach von der kirchlichen Einheit immer weiter entfernen und es wird dahin kommen, dass in jedem der Reiche wie eine eigene Sprache auch eine eigene Religion besteht.“ Folglich und richtig ist dann: der Papst muss zur Erhaltung der kirchlichen Einheit auf geistlichem Gebiet völlig frei und von jeder anderen menschlichen Gewalt unabhängig sein. Die absolute Notwendigkeit der weltlichen Souveränität ergibt sich auch aus den Aufgaben des Papsttums. Zu einer vollkommenen Erfüllung dieser weltumspannenden Aufgabe des Papsttums muss die absolut freie Leitung der Kirche und im Interesse aller katholischen Gläubigen auch der freie Verkehr mit allen regierenden Mächten der Erde auf der Ebene der Gleichberechtigung ständig und umfassend gesichert sein.

Wenn wir abschließend zur Beurteilung Luthers, mit dem Ergebnis neuzeitlicher Forschung aller christlicher Kirchen auf theologischem Gebiet, zu ihrer ökumenischen Betrachtungsweise übergehen, dann müssen wir mit Hubert Jedin sagen: „Ich glaube nicht, dass wir Luther katholisch machen und heilig sprechen werden können. Was wir aber können und müssen ist, ihm nicht nur Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, sondern auch mit einer Liebe zu umfassen, die das Kennzeichen der Jünger unseres Herrn Jesus Christus ist.“ Kardinal Willebrands nahm 1970 zur Person Luthers auf dem Kongress des Lutherischen Weltbundes Stellung und sagte: „Im Laufe der Jahrhunderte wurde die Person Luthers auf katholischer Seite nicht immer richtig eingeschätzt, seine Theologie nicht immer richtig wiedergegeben. Das hat weder der Wahrheit noch der Liebe gedient und somit auch nicht der Einheit, die wir zwischen Ihnen und der katholischen Kirche zu verwirklichen streben. Doch dürfen wir auf der anderen Seite mit Freude feststellen, dass in den letzten Jahrzehnten bei vielen katholischen und gelehrten Persönlichkeiten ein wissenschaftlich genaueres Verständnis für die Reformation und für die Gestalt der Person Luthers und seiner Theologie gewachsen ist.“

Luthers Person und sein Werk sind aber schwer zu erfassen und demzufolge auch nicht leicht wahrheitsgetreu darzustellen. Die Gründe dafür liegen vor allem in seiner Person. Eine umfassende Darstellung seiner theologischen Lehre verfasste Luther selbst nicht. Er war kein Systematiker, er war ein Mann des Erlebnisses und religiöser Erfahrung und, nicht zu vergessen, der Polemik. Er war der Mann des Augenblicks. So sind seine Vorlesungen, Predigten, Briefe, Verordnungen und Flugschriften immer aus gegebenen Anlässen entstanden. Von der Verantwortung und den nicht zu leugnenden schädlichen Auswirkungen seines Handelns aber wird er nicht mehr befreit werden können.